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Von diesen wenigen Charakteren, denen die Unwahrheitunerträglich ist, geht die weitere Entwicklung aus. Leiden-schaftlich erheben sie sich, nm die Zeitgenossen der Lüge zuzeihen, beseelt von uuversönlichem Haß gegen die leeren, nichtmehr geglaubten Symbole, mögen es nun Götterbilder seinoder Glaubensartikel — welche einst den Vorfahren etwasGöttliches versinnbildlichten, nun aber nichts „als Stücke be-malten Holzes, der Schafshaut mit Tinte darauf" sind.Solche Männer sind die „wahren Jkonoklastcn", die Bilder-stürmer der geistigen Welt — segensreiche Erscheinungen.Denn die Glaubensvorstellungcn, welche sie niederreißen, sindungesund oder tot, offen bezweifelt oder nur noch scheinbargeglaubt. Je eher sie fallen, um so besser. Denn dcsto-weniger Menschen werden alsdann durch sie zu innerer Un-wahrheit geführt. Diese aber bedeutet die Unmöglichkeitirgend welchen sittlichen Handelns; denn dieses setzt voraus,daß der Mensch sein Dasein außer ihm liegenden Zielenunterordne, welche natürlich vor allen Dingen für ihn un-bezweifelt d. h. wahr sein müssen.
In zwiefacher Weise nun kann sich die Zerstörung derüberlebten Glaubensformeu vollziehen, je nachdem die Männer,die sie vollziehen, positive Elemente genug vorfinden, um Re-formatoren zu werden, oder lediglich negativ d. h. als Re-volutionäre zu wirken. Welch ein Unterschied besteht zwischenden Reformatoren und den Aufklärern des achtzehnten nndneunzehnten Jahrhunderts?
Im ersten Fall handelt es sich darum, den noch leben-den Kern des Glaubens von den abgestorbenen Umhüllungenzu befreien. > Gewöhnlich stellt sich dies als ein Zurückgehenauf frühere Glaubenszustände dar, welche spätere Entstellungenzu reinigen vermeint. Denn die ursprünglichen Glaubens^Vorstellungen sind insofern für Reformationen am verwert-barsten, weil sie bildsam und den neuen Bedürfnissen gegen-über anpassungsfähig sind. Die Zeit gewinnt damit wiedereinen lebenden, ihr angemessenen Gläubensinhalt, welchen sieihrem Denken gemäß gestaltet und fortbildet. Die Männer,von denen solche Bewegungen ausgingen, sind im Carlyleschen