Druckschrift 
Thomas Carlyle's Welt- und Gesellschaftsanschauung / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

61

Von diesen wenigen Charakteren, denen die Unwahrheitunerträglich ist, geht die weitere Entwicklung aus. Leiden-schaftlich erheben sie sich, nm die Zeitgenossen der Lüge zuzeihen, beseelt von uuversönlichem Haß gegen die leeren, nichtmehr geglaubten Symbole, mögen es nun Götterbilder seinoder Glaubensartikel welche einst den Vorfahren etwasGöttliches versinnbildlichten, nun aber nichtsals Stücke be-malten Holzes, der Schafshaut mit Tinte darauf" sind.Solche Männer sind diewahren Jkonoklastcn", die Bilder-stürmer der geistigen Welt segensreiche Erscheinungen.Denn die Glaubensvorstellungcn, welche sie niederreißen, sindungesund oder tot, offen bezweifelt oder nur noch scheinbargeglaubt. Je eher sie fallen, um so besser. Denn dcsto-weniger Menschen werden alsdann durch sie zu innerer Un-wahrheit geführt. Diese aber bedeutet die Unmöglichkeitirgend welchen sittlichen Handelns; denn dieses setzt voraus,daß der Mensch sein Dasein außer ihm liegenden Zielenunterordne, welche natürlich vor allen Dingen für ihn un-bezweifelt d. h. wahr sein müssen.

In zwiefacher Weise nun kann sich die Zerstörung derüberlebten Glaubensformeu vollziehen, je nachdem die Männer,die sie vollziehen, positive Elemente genug vorfinden, um Re-formatoren zu werden, oder lediglich negativ d. h. als Re-volutionäre zu wirken. Welch ein Unterschied besteht zwischenden Reformatoren und den Aufklärern des achtzehnten nndneunzehnten Jahrhunderts?

Im ersten Fall handelt es sich darum, den noch leben-den Kern des Glaubens von den abgestorbenen Umhüllungenzu befreien. > Gewöhnlich stellt sich dies als ein Zurückgehenauf frühere Glaubenszustände dar, welche spätere Entstellungenzu reinigen vermeint. Denn die ursprünglichen Glaubens^Vorstellungen sind insofern für Reformationen am verwert-barsten, weil sie bildsam und den neuen Bedürfnissen gegen-über anpassungsfähig sind. Die Zeit gewinnt damit wiedereinen lebenden, ihr angemessenen Gläubensinhalt, welchen sieihrem Denken gemäß gestaltet und fortbildet. Die Männer,von denen solche Bewegungen ausgingen, sind im Carlyleschen