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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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bieten sich in einer verhältnifsmäfsig kurzen Entfernung vom Mutter-lande, die mit geringen Kosten zu überwinden ist. Trotz allerLobpreisungen Süd-Amerikas stehen seine Chancen in jeder Be-ziehung weit hinter denen der Vereinigten Staaten zurück undsind für den Auswanderer dort im besten Falle problematisch,während er in Nord-Amerika , wenn ihm die eine Beschäftigungnicht gelingt, mit Leichtigkeit zu einer andern übergehen kann.

Ein systematischer Exodus nach Süd-Amerika , wie ihn unsHerr v. Weber vorführt, ist ein Phantasieerzeugnifs, dessen Nicht-erfüllung uns keine Seufzer entringen kann; denn die Auswanderungläfst sich nicht in Bahnen lenken, welche ihr nicht günstig liegen.Wird denn der Auswanderer überhaupt von einem patriotischenGefühle zu seiner neuen Bestimmung getrieben, oder ist es nichtvielmehr die Thatsache , dafs ihm das Vaterland zu eng gewordenist, die ihn verjagt, die ihn zwingt sich vom Althergebrachten, vonjeder fesselnden Bande loszureifsen? Nur wo politische oder re-ligiöse Ursachen die Triebfeder für eine Auswanderung bilden,bleibt das Gefühl der Zusammengehörigkeit rege; denn der Conflict,in welchem sich der Emigrant mit seinen Heimathsverhältnissen be-findet, ist, wie stark er auch sein mag, nicht stark genug, um dienationale Anhänglichkeit in ihm zu ersticken, oder vielmehrgerade der ideale Zug, der ihn forttreibt, erhält in ihm dieAnhänglichkeit an die Cultur, die ihn grofsgezogen hat. Aus-wanderungen wie diese pflegen überdies in Zügen vor sich zugehen, die Solidarität ihres Strebens hält die Theilnehmer engerzusammen und pflegt auch ihr nationales Bewufstsein, selbst wennsie sich mit Liebe (wie z. B. die französischen Refugies in Deutsch-land ) dem neuen Vaterlande zuwenden, und jede politischeZusammengehörigkeit mit ihren Stammesgenossen in der altenHeimath zurückweisen. Wo aber nur materielle Gründe zu einerAuswanderung zwingen, ist die erste und einzige Frage fürdie Betheiligten die Zweckmäfsigkeit des neuen Terrains. DieLeichtigkeit, eine Heimathsstätte, welche eine Aussicht auf Wohl-stand bietet, auf ihm zu errichten, wird hier allein den Aus-schlag geben, denn die Elemente, welche an einer solchenAuswanderung theilnehmen, sind nur wenig von jenem idealenZuge berührt, und er geht bald in der Arbeit des neuenLebens zu Grunde. Vieles was er schmerzlich vermifst, mufsder Gebildete zurücklassen. Der Mann aus dem Volke ist weniger