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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
Entstehung
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Die Straf-Golonie.

Mit besonderer Vorliebe nimmt sich die Colonisations - Agi-tation der Gründung von Straf-Colonien an. Ihre Vorkämpfer be-haupten, dafs die Verbrechen in den letzten Jahren nach einemhöheren Procentsatze als früher zugenommen haben und HerrFabri sowohl als Herr v. Weber berufen sich auf eine hieraufbezügliche Schrift von Dr. Stursberg. Dieser zufolge war dieZahl der im Jahre 1871 eingeleiteten Untersuchungen von 88233auf 145 587 im Jahre 1877 gewachsen, mithin in einer die Zu-nahme der Bevölkerung bei weitem übersteigenden Progression.Die aus diesen Thatsachen hergeleiteten Folgerungen verlierenjedoch viel von ihrem Schrecken, wenn man als Ausgangs-punkt der Vergleichung anstatt des Jahres 1871 das Jahr 1868nimmt. Ein in der Vossischen Zeitung über diesen Gegenstanderschienener Artikel, welcher von sachkundiger Hand herrührt,sagt hierüber Folgendes:

«Mittelstadt geht davon aus, dafs seit 1870 in Deutschland das Verbrecherthum «in so unerhörten Verhältnissen empor-gewuchert ist, dafs der verstockteste Optimismus unsicher zuwerden anfängt». Er sieht in der Criminalstatistik der letztenneun Jahre «mit ihren schreienden Zahlen» den «Bankerott desganzen ausschliefslich auf Freiheitsentziehung gebauten Strafen-systems». Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich den Ursprungdieser Behauptungen in dem Schriftchen des Pastors Stursberg:«Die Zunahme der Verbrechen und Vergehen und ihre Ursache»suche. Denn wäre dem Reformator die betreffende Criminal-statistik in tendenziöser Weise angeordnet entgegengetreten, somüfste er gehört haben, dafs deren Zahlen zwar die altgewohntelaute Sprache führen, aber durchaus nicht mehr «schreien» alssonst. Erst jüngst hat Köhne, dessen im 21. Band von SchwarzesGerichtssaal erschienen Erhebungen über die Bewegungen derPreufsischen Criminalität ich in Nachstehendem folge, nachge-wiesen, wie falsch es ist, bei einer Statistik der Verbrechenszu-nahme das Jahr 1870 zum Ausgangspunkt zu nehmen. Dennwährend der zu Verbrechen geneigte thatkräftige Theil der Be-völkerung unter den Waffen stand, war die unmittelbare Folge