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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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weder das Haus und Land kaufen, oder eine Pacht von ca. £ iopro Jahr dafür zahlen; beides ist jedoch unmöglich. Dahingegen sinddie Aussichten eines freien Arbeiters, wenn er nach Landesgebrauchin einer Caffee-Plantage arbeitet, um vieles besser; aber es ist eineunausläfsliche Bedingung, dafs er sich dort acclimatisirt und dieGewohnheiten des Volkes und dessen Diät annimmt, die in Mais,Kräutern, Reis, Speck, Mehl und ausnahmsweise in Geflügel, Eiernund Caffee besteht. Herr Phipps kommt zu dem Schlufs, dafsunter der jetzigen Gesetzgebung die Emigration nicht zu er-muthigen sei. Fernere Berichte melden von zwei verunglücktenExpeditionen, deren Mitglieder in das tiefste Elend verfallen sindund deren Reste nach allen Himmelsrichtungen zerstreut wurden.

Es ist unmöglich, in alle Projecte, welche von Zeit zu Zeit zudiesem Behufe auftauchen, einzugehen; aber das Gesammtresultatder Erfahrungen, wenn man sie kaltblütig beurtheilt, führt dahin,dafs die südamerikanischen Regierungen zur Cultur ihrer Ländereiner Einwanderung bedürfen, zu welcher sich in den meistenFällen der Süd-Europäer besser als der Nord-Europäer eignet,dafs dieselbe aber durch ungeordnete Zustände, Gesetzlosigkeit undUnehrlichkeit der Regierungsorgane behindert wird.

Die Zukunft und der Bestand der südamerikanischen Staatenwird von der Richtung, nach welcher sich ihre Cultur entwickelt,abhängig sein. Bei der Beurtheilung über diese Verhältnisse läfstman viel zu häufig aufser Augen, dafs diese Staaten noch jungsind und sich erst seit dem Anfänge dieses Jahrhunderts frei ge-macht haben. Sie haben alle die Erbschaft einer einengenden, cor-rumpirenden Bevormundung übernehmen müssen. Gewohnheitenund Gebräuche, welche Jahrhunderte lang geherrscht haben, lassensich nicht rasch abschütteln, und Clima und Bodenbeschaffenheitsowohl als der Volksstamm und die Volksmischungen, die sichdort gebildet haben, sind nicht geeignet, ihren Culturprozefs zu be-schleunigen. Wir hingegen sind nicht berufen, für jene Länderdie Vorsehung zu spielen. Unsere Culturaufgabe liegt uns näherund wird sich uns mit der Zeit zwingend aufdrängen.

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