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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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geschehen oder unterlassen wäre, wenn Hermann den Varus nichtgeschlagen, die Reformation uns nicht gespalten, Friedrich derWeise die Kaiserwürde angenommen hätte oder Friedrichder Grofse als Kind gestorben wäre. Geschichtliche Ereignissesind nur die Marksteine an dem Entwicklungswege der Nationen,der sich auf dem Boden ihres Charakters und ihres Landes auf-baut, und dessen verschlungenen Curven schwer zu folgen ist.Auch der bedeutendste Mensch, selbst wenn er seiner Zeit denStempel seines Willens aufdrückt, kann nur beschleunigend oderhemmend auf jene Entwicklung einwirken, indem er das vor-handene Material ordnet oder verwirrt; aber umschaffen kann eres ebensowenig, wie der Alchymist Blei in Gold zu verwandelnvermag.

Wenn wir nicht überseeisch colonisirt haben, so lag derHauptgrund in unseren geographischen Verhältnissen, die unserenhistorischen Gang zwingend bestimmten und uns auf eine con-tinentale Verbreitung anwiesen. Die Sachsen, welche England eroberten, behandelten es nicht als Colonie, sondern gründetenein selbstständiges Reich, welches seinen Zusammenhang mitdem Mutterlande bald aufgab. England war als Insel ebensowie die Bewohner der iberischen Halbinsel auf überseeischeAbenteuer angewiesen, denn es fehlte ihnen das Hinterland. DenHolländern, welche ihr Land dem Meere abgerungen haben, wardas Meer eine zweite Heimath. Die Deutschen hingegen kämpf-ten mit den Galliern um die westliche Grenze und rückten sodannunaufhörlich von Westen nach Osten vor. Sie entrangen den Wen-den, Slaven und Litthauern ihre Länder und pflanzten ihre Spracheund Gesittung vom baltischen Meere bis zur Puszta siegreich undcolonisirend auf; von den Alpen bis zu den Dünen erstrecktesich ihr Gebiet; das Meer aber gebot ihnen Halt. Um zu co-lonisiren, bedarf ein Volk einer grofsen Küste am offenen Meere;es ist kein Zufall, dafs die Italiener, die Beherrscher desHandels im Mittelalter, ihre Colonisation nur am Mittelmeerbeckenausgeübt haben und den Nationen am Ocean nach der Entdeckungdes indischen Seeweges in der Concurrenz unterlegen sind. Ebenso wenig hat Deutschland mit seiner geringen, schwer zugäng-lichen Küstenstrecke einen Beruf zum Colonisiren. Seine Handels-flotte kann sich als Zuträgerin des grofsen Continentalverkehrsund als Vermittlerin zwischen anderen Nationen noch weit aus-