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Ueber Colonisation / von F. C. Philippson
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wir mit einem kräftigen «Neins, weil unsre patriotische Anschauung(philiströs wie sie sein mag), nicht in der Ausdehnung des Länder-besitzes sondern in seiner inneren Kraft das Heil eines Volkeserblickt. Weit ausgedehnte despotische Reiche, vom altpersischenan bis zum neurussischen, finden ihr Thermopylae, wenn ihrUebergewicht sie zur Unterjochung von Völkern mit höherer Cul-tur reizt. Englands Gröfse liegt in der Tüchtigkeit seines Volkesund dem Reichthum seiner Hilfsmittel. Seine Lage schützt esvor Eroberung, und deshalb kann es seine Streitkräfte, umseine innere Sicherheit unbekümmert, weit über das Meer senden;aber dennoch hat sein colonialer Besitz seinen europäischen Ein-flufs geschmälert, und wie weit seine Kräfte in den endlosenKämpfen um den indischen Besitz anfgerieben werden, ist eineFrage der Zukunft. Die «spirited policy» hat, trotz aller äufse-ren Erfolge, dort soeben eine Niederlage erlebt. Das Amerika-nische Reich ist hingegen eine Colonisation im andern Sinne alsdie englische. Nachdem sich die Staaten losgerissen hatten,hat sich ihre Tendenz auf die Bildung einer in sich geschlossenenContinentalmacht gerichtet, und jeder settler, der seinen Wegvon Westen nach Osten findet, dient ihr als Vorposten für eineneue, selbstständige Cultur. Es reiht sich dort Glied an Glied,nicht durch Meere getrennt, organich aneinander, während derföderative Charakter ihrer Staatenbildung Gewähr für die fried-liche Entwickelung leistet. Sollte diese verlassen werden, sowürde der Bestand des Länder-Colosses ebenso fraglich als deraller anderen Weltreiche werden.

Könnten nicht aber andre Länder dieselbe Frage, die Herrv. Weber an uns richtet, an sich stellen? Könnten nicht Frank-reich, Oesterreich, Italien mit gleichem Rechte «über endlose Terri-torien herrschende Königinnen unter den Nationen» sein wollen?Die Neigung zu solchen patriotischen Gelüsten ist sicher auchdort vorhanden, und an Versuchen, die ein klägliches Ende ge-funden haben, so oft die philiströse Reflexion von dem patrio-tischen Chauvinismus angefaucht worden ist, hat es nie gefehlt.Wollten sich alle Völker das Recept des Herrn v. Weber an-eignen, so wäre die Welt zu klein für ihre Herrschsucht!

Unsere Aufgabe ist uns in der Lage unseres Landes vor-gezeichnet, und unsere besten Staatsmänner haben sie richtigerkannt. Mit scharfem Blicke hat sich Friedrich d. Grofse gegen