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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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Vaters Munde hatte ich als Knabe oft den Spruch des Salomo gehört:»Ein Mann, der fleißig ist in seinem Berufe, soll vor Königen stehen, nichtvor geringen Leuten.« Daher hielt ich den Fleiß für das beste Mittel, zurWohlhabenheit und Auszeichnung zu gelangen«, und in seinen »notwendigenWinken für diejenigen, die reich werden wollen« und den in seinem schrift-lichen Nachlaß aufgefundenen Ratschlägen »für junge Geschäftsleute«, gi-pfelt sein »Rat« in den beiden Worten: Betriebsamkeit und Sparsamkeit;das heißt: verschwende weder Zeit noch Geld, sondern nutze beides so gutdu kannst«! Das ist eben das, was hier als Inhalt der puritanischen Berufs-askese ermittelt worden ist. Als Franklin jene Winke und Ratschlägeschrieb, war deren calvinistische Fundamentierung bei ihm allerdings schonabgestorben; er hatte sich, wie er schreibt, schon früh von den Presby-terianern zurückgezogen und sich eigene deistische Glaubensartikel ent-worfen. 1 ) Aber die protestantische Berufsethik hat den Umschlag zur utili-tarisch-liberalen Theorie, welcher Franklin huldigt, eingeleitet. Und istauch heute der Geist des Kapitalismus ein anderer geworden, arbeitet derKapitalist nicht mehr zur Ehre Gottes, sondern um des Erwerbs willen, sowaren doch mit dem Calvinismus Geist und Voraussetzungen des Kapita-lismus geschaffen.

Dies der Inhalt der Weberschen Ausführungen. Ihr erster Fehlerliegt in Webers Formulierung des Begriffs »Geist des Kapitalismus «. Sonstpflegt man darunter das Streben nach dem größtmöglichen Gewinn schlecht-hin zu verstehen. Weber aber schließt davon nicht nur das Streben nachGelderwerb um des Genusses willen, zu dem der Reichtum die Mittel bietet,und des Ansehens und der Macht wegen, wozu der Reichtum verhilft,sondern sogar das Streben nach Gelderwerb um des Geldes willen aus,wenn es nicht »den Charakter einer ethisch gefärbten Maxime der Lebens-führung annimmt«. Das heißt einen Begriff so fassen, daß mit seinerFassung das, was man beweisen will, notwendig gegeben ist; man nenntdas eine petitio principii. Selbst angenommen man könnte den Calvinismusbezichtigen einen solchen ethisch verklärten Geiz gepredigt zu haben, waser nicht getan hat, so hat es bei solcher Begriffsformulierung einen kapita-listischen Geist vor Calvin allerdings nicht gegeben; denn so groß die Aus-bildung ist, welche der Kapitalismus im mittelalterlichen Italien erlangt hat,zur Verklärung der Erwerbsgier als einer »ethisch gefärbten Maxime der

l ) Dieser Hinweis auf die von Franklin in seinem 22. Lebensjahre nieder-geschriebene »Liturgie zu seinem eigenen Privatgebrauch« findet sich, wie ich, umEinwendungen vorzubeugen, bemerke, bei Weber nicht. Er ergänzt aber seinenGedankengang, daher ich ihn eingefügt habe.

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