I 62
wollten sie dorthin Kolonien entsenden oder direkt Handel treiben, — mitSpanien, das sich anschickte, die erste Macht in Europa zu werden, das1495 Neapel eroberte, das in Mailand der Nachbar Venedigs war und dessenWille in Italien den Ausschlag gab! Auch haben die damaligen Venezianerweit besser als Sombart erkannt, was in Folge der Entdeckung des Vascoda Gama für sie auf dem Spiele stand. Hatten sie doch die Wirkungender neuen Entdeckungen unmittelbar vor Augen. Denn als sich in Venedigdie Nachricht verbreitete, daß unmittelbar nach Vasco da Gamas Fahrt vierKaravellen, mit Spezereien beladen, geradewegs von Kalkutta auf dem Tajo angekommen seien, da sank, wie Machiavelli aus Venedig nach Florenz meldet, der Preis aller an der Adria auf gestapelten indischen Gewürze ummehr als die Hälfte. Den gänzlichen Verfall ihres Handels fürchtend, ver-folgten sie mit Schrecken die Entdeckungen der Portugiesen und suchtendurch Vermittlung des ägyptischen Sultans die Araber gegen das Wachstumder portugiesischen Macht zu unterstützen. Allein 1517 wird auch Ägypten von den Türken erobert. Nunmehr schwindet ihnen jegliche Hoffnung, undzunächst suchen sie um 1522 sich durch Verträge mit Portugal den Weiter-vertrieb der nach Lissabon gebrachten indischen Waren — wenn auch ver-geblich — zu sichern.
Indes noch kommt das Übergewicht der pyrenäischen Halbinsel imWelthandel nicht ganz zur Geltung. Die Portugiesen beschränken sichdarauf, die indischen Waren nach Lissabon zu bringen. Von dort aus gehtdas, was die Portugiesen nicht brauchen, teils nach den Niederlanden , teilsnach Venedig. Dagegen erwächst Italien ein weiterer Schaden, daß Endedes 15. Jahrhunderts die Manufakturen der nordischen Länder aufzublühenbeginnen, teilweise in Folge von Maßnahmen der Italiener selbst. So wardie Tuchmanufaktur von Florenz sehr berühmt, bis Lorenzo von Medici ,um die Kosten einer weiten Fracht der englischen Wolle zu sparen, sichentschloß, in England viele Fabriken mit florentinischen Arbeitern zu er-richten. 1 ) Als dann auch aus Mexiko und Peru die Silberflotten nach Spanien fuhren und stets wachsende Erträge abwarfen, da war der wirtschaftlicheSchwerpunkt Europas zunächst nach der pyrenäischen Halbinsel verlegt.
Zu dieser Wendung im Gange des Welthandels kam, daß gleichzeitigein politisches Mißgeschick nach dem anderen Italien heimsuchte. ImJahre 1504 wird Italien von den Franzosen erobert. Auf die Franzosenkommen die Spanier, die sie vertreiben, und Neapel wird spanisches Neben-reich. Italien wird der Schauplatz der Kriege zwischen Frankreich und
*) Vgl. Rhymer foedera V p. 3, p. 62.