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Das Wirtschaftsleben der antiken Welt : Vorlesungen gehalten als Einl. z. Wirtschaftsgeschichte d. Mittelalters / von Lujo Brentano
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Kapitalistische Volkswirtschaft der Phöniker.

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eine sich selbst genügende Volkswirtschaft, eine zur Er-nährung der Bevölkerung ausreichende Bodenfläche. DasLand, das die Phöniker an der Küste des heutigen Syrien innehatten, war nur 5 bis 20 Kilometer breit; trotzüppiger Fruchtbarkeit und trotzdem die Phöniker der Land-wirtschaft außerordentliche Sorgfalt zugewandt haben 1 ),war es bei der Dichtigkeit der phönikischen Bevölkerung 2 )zur Ernährung der Bevölkerung zu klein; die hinter diesemKüstenstrich liegenden Gebirge aber behinderten eine Aus-breitung der Phöniker nach Osten; den Ersatz bot ihnendas Meer.

Plinius hat die Phöniker für die Erfinder des Handelsgehalten 3 4 ); jedenfalls waren sie das Volk, das nach derKenntnis der Schriftsteller des Altertums zuerst Waren inSchiffen verfrachtet hat, um damit Handel zu treiben 1 ), undPriscianus preist sie in Worten, wie sie ein moderner Frei-händler gebrauchen könnte, weil sie zuerst die getrenntenVölker ihre Waren zu vereinen gelehrt hätten 5 ). Aber wieKrieg und Raub dem Landhandel, so ist der Seeraub demHandel zur See vorausgegangen, und galt als eine keines-wegs unehrenhafte Art des Erwerbs 6 ). Zuerst scheinendas Gewerbe des Seeräubers und das des Kaufmannesschwer unterscheidbar ineinander geflossen sein. In derOdyssee begegnen wir die Phöniker, wie sie als Händlerund Seeräuber in den griechischen Gewässern umher-schweifen 7 ). Auch zeigt sie uns, wie sie über ein Jahr an

1) Die punisch-phönikischen Schriften über die Landwirt-schaft genossen den größten Ruf; Columella nennt den kartha-gischen Feldherrn Mago rusticationis parentein. Columella 1,1.

2) Siehe die Belegstellen für die Übervölkerung Phönikiensbei Movers, Die Phönizier, II, 2. Berlin 1850, S. 5, Anm. 5.

3) Mercaturas (invenerunt) Poeni. Plinius VII, 57.

4) Siehe die Belegstellen bei Movers, Die Phönizier II,3, S. 14 Anm. 2.

5) qui pelagus primi tentantes navibus altis disjunctas gentesdocuere jüngere mercem. Priscianus, Periegesis v. 848.

6) Vgl. Aristoteles, Politik I, drittes Kapitel, 8. Sieheauch Thukydides I, 5.

7) Odyssee XIV, 288ff.; XV 414ff.; H erodot I, 1.