Die griechische Wirtschaftsentwicklung.
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Getreide nach dem Piräus gebracht hatten, mußten zweiDritteile davon losschlagen und durften nur einen Teil wiederhinausnehmen 1 ). Wenn aber ein Land nicht ohne Zufuhrfremden Getreides leben kann und so rigorose Maßnahmenzur Versorgung der Bürger mit fremdem Getreide getroffenwerden mußten, wie kann man da von einem Sich-selbst-Genügen der einzelnen Haushaltungen sprechen! Außerdembegegnen wir Maßnahmen ähnlich denen des germanischenMittelalters und des Merkantilsystems der Neuzeit, die denZweck haben, Athen zum Mittelpunkt der ganzen griechi-schen Austauschwirtschaft zu machen, und damit seinenReichtum zu mehren. So wenn man nach dem Siege beiSalamis Gewerbe und Handel dadurch zu beleben sucht, daßman Fremde durch Anbieten von Steuerfreiheit zu veran-lassen sucht, sich zum Gewerbe- und Handelsbetrieb inAthen niederzulassen. Infolge der enormen Beute, welcheden Athenern ihre weiteren Siege über die Perser brachten,haben sie sich dann selbst in steigendem Maße an Gewerbeund Handel beteiligt und ihre Bundesgenossen genötigt,ihnen eine Flotte zu bauen, mittels deren sie den atheni-schen Handel geschützt haben. Zur Zeit des Perikies hatdie Mehrzahl der Athener von Handel und Gewerbe gelebt.Diejenigen, die sich daran nicht persönlich beteiligten,taten es, indem sie ihre Kapitalien zu hohen Zinsen anHandeltreibende ausliehen oder zur Errichtung von Fa-briken verwendeten. Wie wenig die athenische Volkswirt-schaft eine wirtschaftliche Autarkie gewesen ist, zeigt dieRede, welche Thukydides dem Perikies in den Mund legt 2 ).Er läßt den Perikies zu den Athenern sagen: „Es kommenwegen der Größe unserer Stadt aus allen Ländern uns alle
1) Siehe die Rede des Lysias gegen die Getreidehändler,sowie die Rede des Demosthenes gegen Leptines; er sagtdarin den Athenern: „Ihr wißt, daß es kein Volk gibt, das mehrfremdes Getreide verbraucht, wie wir“. Vgl. ferner Bö ckh, Staats-haushalt der Athener I, 115; ferner Hüllmann a. a. O. S. 161.Vgl. auch G. Perrot, Le commerce des cereales en Attique auquatrieme siede avant notre ere, in G. M o n o d et G. F a g n i e z,Revue historique, T. IV. Paris 1877.
2) Thukydides II, 38.
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