Die griechische Wirtschaftsentwicklung.
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Schiebung des Heiratsalters. Nach beiden Philosophen sollder Staat festsetzen, wie oft eine Frau gebären darf; eineFrau, deren Geburtenzahl die festgesetzte Zahl über-schreitet, soll zur Herbeiführung einer Fehlgeburt ver-pflichtet sein.
Trotzdem hatte die Größe der griechischen Bevölke-rung bis in die Zeit Philipps von Makedonien zugenommen.Die Veränderung im Gang des Welthandels, welche stattdes Mutterlands die Kolonien zum Handelszentrum machte,hat auch hier Änderung gebracht. Die BevölkerungszifferGriechenlands stand still; bald ging sie absolut zurück,und an die Stelle der Sorgen wegen Übervölkerung tratenKlagen über die Abnahme der Geburtenziffer. Besondersbeachtenswert ist, was Polybius 1 ), geb. 210 v. Chr., im37. Buch seiner Geschichten darüber schreibt: „In unsernZeiten ist ganz Griechenland von einer Kinderlosigkeit undüberhaupt einer Abnahme der Bevölkerung betroffenworden, infolge deren sowohl die Städte entvölkert wordensind, als auch Unfruchtbarkeit eingetreten ist, obwohl wirweder von ununterbrochenen Kriegen noch von anstecken-den Krankheiten heimgesucht worden sind... Die Ursacheliegt offen zutage... Da nämlich die Menschen in Groß-tuerei und Habsucht sowie in Vergnügungssucht verfallensind und sich weder verheiraten noch wenn sie sich ver-heiraten, die ihnen geborenen Kinder aufziehen mögen,sondern die Meisten höchstens eine oder zwei aufziehen,um diese als reich zurücklassen und in Üppigkeit auf-wachsen lassen zu können, so ist binnen kurzem das Unglückunbemerkt so groß geworden. Denn wenn nur ein Kindoder deren zwei vorhanden sind und von diesen einbrechen-der Krieg oder Krankheit das eine hinwegnimmt, so müssennotwendig die Häuser verödet Zurückbleiben und, wie beiden Bienen die Schwärme, ebenso allmählich auch dieStädte entvölkert und ohnmächtig werden.“
Eine weitere Folge der Verschiebung im Welthandelwar eine Änderung in dessen Charakter. Bis dahin war das
1) Po ly bi os, Geschichten XXXVII, 4.