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Die altjüdischen Wirtschaftsverhältnisse.
Gewiß, daß die Gefahr vor räuberischen umherschweifendenHorden dazu besonders veranlaßt haben mag. Das war inden Zeiten fehlenden staatlichen Rechtsschutzes bei allenVölkern der Fall. Die in Palästina Vorgefundenen Städtehatten den Charakter von Landstädten, bewohnt von Acker-bürgern, welche bei Tag den Boden bestellten, um amAbend in den mit starken Stadtmauern umgebenen ärm-lichen Häusern zu nächtigen. Aber wie wir bei denGriechen und später bei den Germanen in den auf dasSeßhaftwerden folgenden Jahrhunderten freie Volksgenossenfinden, die selbst im Landbau tätig sind, so auch bei denIsraeliten. Von Boas erzählt das Buch Ruth, daß er selbstseine Schnitter beaufsichtigt und nachts hinter einer Mandelauf der Tenne schläft 1 ). Saul wird uns geschildert 2 ), wieer des Abends hinter seinen Pflugochsen vom Felde zurück-kehrt, und von Elisa wird erzählt 3 ), daß er selbst eines der12 Ochsengespanne geführt, mit denen seine Felder bestelltwurden, und vom Manne der reichen Sunamitin, daß ersich bei seinen Schnittern auf dem Feld befand 4 ). All’das deutet auf das Vorhandensein großbäuerlicher Betriebe.Unter Salomo scheinen dann zahlreiche Fronhofswiri-schaften in Israel bestanden zu haben, ähnlich wie wir diesein Griechenland im mykenischen Zeitalter gefunden haben.
Somit war das Volk Israel in den auf seine Besitz-nahme des Landes Kanaan folgenden Jahrhunderten in derHauptsache ein Landwirtschaft treibendes Volk. Danebenfinden wir die Israeliten aber in den Gebieten des Landes,in denen sich dazu besondere Gelegenheit bot, auch inanderer schwerer körperlicher Tätigkeit arbeitend. So heißtes vom Stamme Issachar 5 ), dem ein nicht weit vom Landder Phöniker liegendes Gebiet zugewiesen worden: „erbeugt seinen Nacken zum Lasttragen und wird zum dienst-baren Fröner“. Der angrenzende Stamm Sebulon trittuns wiederholt 6 ) als Seefahrer entgegen. Von ihm heißt es,
1) Ruth 111, 7. 2) I. Satnuelis II, 5.
3) Könige 19, 19. 4) Könige II, 4, 18.
5) G en esis 49, 11.
6) Genesis 49, 13; Deuteronomium 33, 18.