102 Die Entwicklung der römischen Volkswirtschaft.
können sie seinen Leib teilen; hackt einer ein größeres Stückab, als dem Verhältnis seiner Forderung entspricht, so ister darum nicht zu strafen. Niebuhr * 1 II, ) faßt die wirtschaftlicheLage folgendermaßen zusammen: „Um das Schicksal desplebejischen Schuldners zu erfassen, denke sich der geschäfts-kundige Leser die Gesamtheit der Privatschulden in einer Land-schaft in Wechsel auf ein Jahr verwandelt, welche zwanzigund mehr Prozent Zinsen tragen könnten; auf deren Nicht-einlösung nach summarischem Prozeß Schuldgefängnis undÜbertragung des gesamten Vermögens, wenn es auch dieSchuld überstiege, an den Gläubiger erfolgte.“ DiesesSchuldrecht gab den reichen Leuten eine furchtbare Hand-habe, auf Kosten der Bauern ihren Grundbesitz zu ver-größern 2 ), zumal da die geschilderte Usurpation des Ge-meinlandes durch die Patrizier die Plebejer schwächte undzur Schuldaufnahme leicht nötigte. Wenn die Ernte einmalnur um ein Drittel geringer war, mußten die geschwächtenWirtschaften Darlehen aufnehmen. Das bedeutete bei dendamaligen Zinsverhältnissen den Anfang vom Ende. Auchhat die Strenge des römischen Schuldrechts zu dem erstenGeneralstreik aus politischen Gründen geführt, von demdie Geschichte erzählt 3 ). Als im Jahre 495 v. Chr. beieinem drohenden gefahrvollen Krieg die Aushebung ver-anstaltet ward, weigerte sich die pflichtige Mannschaft,dem Gebote zu folgen. Als darauf der Konsul Publius Ser-vilius die Anwendung der Schuldgesetze vorläufig suspen-dierte und die schon in Schuldhaft sitzenden Leute zuentlassen befahl, stellten sich die Bauern und halfen, denSieg erfechten. Aber die als Sieger Heimgekehrten wurdenalsbald als Schuldner wieder in Ketten und Kerker gelegtund der einer berüchtigten Wuchererfamilie angehörigeandere Konsul Appius Claudius weigerte sich, die von
1) Niebuhr, Römische Geschichte, 3. Auflage. Berlin
I, 646.
) Siehe die Klagen des Schulden halber von seinen Gläu-bigern in deren ergastulum geworfenen Bauern bei L i v i u s
II, 23.
3) Vgl. Mommsen, Römische Geschichte I, 271.