104 Die Entwicklung der römischen Volkswirtschaft.
führen hatte. Anders, als der römische Staat sich aus-breitete. Der Bauer kehrte dann während Dezennien nichtzurück. Nun erhielt, wie ich bereits erzählt habe, der sieg-reiche Soldat allerdings Anteil an der Beute und es kamvor, daß Veteranen aus den Kriegen geradezu Wohlstandmitbrachten 1 ). Aber selbst dann fand er oft nicht mehrdie Heimstätte vor, von der er ausgezogen war. Warer schon verschuldet, als er ausrückte, so fand er bei seinerRückkehr seine Wirtschaft in völliger Auflösung; war er esnicht, so fand er sie verschuldet. Denn die Seinen warenwährend seiner langen Abwesenheit heruntergekommen, unddie Beute, die er heimbrachte, war für ihn nicht mehr bloßerZuschuß zu seinem sonstigen, meist agrarischen Einkommen,sondern meist sein gesamtes Einkommen. Nun war aufAntrag des Appius Claudius allerdings bestimmt worden, essolle den ins Feld Ziehenden aus dem Ertrag der Ge-meinländereien Sold bezahlt werden. Infolge der An-eignung der Gemeinländereien durch die Patrizier warenaber auch die Mittel versiegt, aus denen er früher Sold be-zogen 2 ), und wurden die Mittel zu seiner Besoldung ausSteuern bestritten, so brachte ihm die drückende Steuer-last den Ruin.
Schon im zweiten Jahrhundert v. Chr. wird darüber ge-klagt, daß sich der römische Bauer nicht halten könne. Ersteht zwanzig Jahre im Feld, und zurückgekehrt findet er dieSeinen vertrieben von Haus und Hof. Er kehrt zurück alsBesitzloser. In Etrurien hatte die alte einheimische Aristo-kratie im Bund mit den römischen Kapitalisten es schonim Jahre 134 v. Chr. so weit gebracht, daß es in Etrurien keinen freien Bauern mehr gab 3 ). Daher Tiberius Gracchus auf dem römischen Forum sagen konnte 4 ): „Die Tiere,die Italien durchschweifen, haben ein Loch; für jedes vonihnen ist ein Lager, ein Platz vorhanden, um hinein zu
1) Vgl. Livius VIII, 36.
2) Niebuhr, Römische Geschichte II, 187.
3) Vgl. Morn msen II, 81.
4) Siehe Plutarch, übersetzt von Kaltwasser, S. 126.Magdeburg 1804, Tiberius Gracchus.