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Das Wirtschaftsleben der antiken Welt : Vorlesungen gehalten als Einl. z. Wirtschaftsgeschichte d. Mittelalters / von Lujo Brentano
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Die Entwicklung der römischen Volkswirtschaft.

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Nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war,kam dazu der Großgrundbesitz der Kirche. Zunächst wurdedurch eine allgemeine Maßregel alles Eigentum des früherenheidnischen Kultus samt den Tempeln und deren oft be-trächtliche Einnahmen der Kirche übertragen 1 ). Baldkamen die Güter hinzu, welche die Frömmigkeit der Neu-bekehrten der Kirche zuführte; es wurde ein Intestaterbrechtder Kirche und Klöster für die ohne Hinterlassung vonEltern, Kindern oder Frau verstorbenen Kleriker undMönche eingeführt 2 ), und dann wurde es kanonische, vomStaate anerkannte Rechtssatzung, wonach das Kirchengutzwar zunehmen, nicht aber abnehmen konnte. Ein Besitz, dereiner Kirche einmal übertragen ist, kann nie wieder ver-äußert werden.

Die Folge war, daß der überwiesene Teil des Bodensder Provinzen aus großen Domänen bestand 3 ). Das giltauch für die römischen Provinzen nördlich der Alpen . IhrBoden befand sich teils im Eigentum der großen senatori-schen Familien, teils in dem des Kaisers, teils in dem derKirche.

Wir verdanken unsere Kenntnis über den römischenLandwirtschaftsbetrieb den römischen Agrarschriftstellern;einige sind nur in Fragmenten auf uns gekommen; von denerhaltenen kommen in Betracht in erster Linie das Buchdes Marcus Porcius Cato, de agri cultura, des weiterendie Schrift des Marcus Terentius Varro von der Landwirt-schaft und die zwölf Bücher von der Landwirtschaft desLucius Junius Moderatus Columella 4 ). Wir werden,indem wir sie betrachten, sehen, wie frühzeitig der römi-

1) Vgl. Andre Ferradou, Des Biens des Monasteres äByzance. Bordeaux 1896, p. 13.

2) Cod. Theod. V, 3.

3) Vgl. auch Fustel de Coulanges , Le domain ruralchez les Romains in Revue des deux mondes, LXXVII, 336.Lecrivain, a. a. O. p. 82:II ne faut pas oublier que laristo-cratie possedait presque tout le sol.

4) Vgl. Hermann Gummerus , der römische Gutsbetriebals wirtschaftlicher Organismus nach den Werken des Cato,Varro und Columella. Leipzig 1906.