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Das Wirtschaftsleben der antiken Welt : Vorlesungen gehalten als Einl. z. Wirtschaftsgeschichte d. Mittelalters / von Lujo Brentano
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Wirtschaft der Provinzen nördlich der Alpen .

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wirtschaftenden Pächter, der Kirche sind zu quasi-souve-ränen Verwaltungsbezirken geworden, in denen der Kaisernur mehr wenig zu sagen hat. Der unverantwortlicheCäsarismus regiert durch Vermittlung einer grundbesitzen-den Aristokratie. Die übrige Bevölkerung befindet sichbereits in der Lage von Menschen, die nur als Ausbeutungs-objekt für den Staat und die in ihm herrschende Klasseder Mächtigen in Betracht kommen. Sie haben alles Inter-esse an der Aufrechterhaltung der Staats- und Gesellschafts-organisation verloren. Kein Wunder, wenn schon derheilige Hieronymus den Tag voraussieht, da die Barbarenderen Erbschaft antreten werden.

So hat das Leben der Römer von Erpressung und mili-tärischer Ausbeutung der Provinzen zum Untergang desRömerreichs geführt. Ihr Leben von der Ausbeutung Unter-worfener erzeugte notwendig die Verachtung der Arbeit.Das rief den alles Maß übersteigenden Staatssozialismus 1 )der Cäsaren hervor, und dieser hat zur Ertötung der letztenReste individueller Initiative und damit der Lebensbeding-ungen des Reiches geführt. Während das freie Selbst-interesse die Menschen zur Ergreifung derjenigen wirt-schaftlichen Tätigkeit führt, welche den Bedürfnissen alleram meisten dient, da ein jeder dabei seinen Vorteil findet,vermag der Zwang nur ungenügend das zur Erhaltung derVölker und des Reiches Unentbehrliche zu schaffen. DieÄcker werden trotz der Schollenpflichtigkeit der Kolonenvon den Bebauern verlassen 2 ), namentlich in den Grenz-provinzen; lieber gingen die Kolonen zu den Barbaren.In Belgien lagen ganze Strecken unbebaut. Von Kaiser

1) Schon von den alten Athenern nach Perikies schreibtB. Büchsenschütz, Besitz und Erwerb im griechischen Alter-tume, Halle 1869, S. 291:Indem jeder Einzelne sich gewöhnte,alles vom Staate zu erwarten, schwand nicht allein die Opfer-freudigkeit für das Ganze, so daß niemand mehr ohne Ehren-bezeugungen und ohne klingenden Lohn für das Gemeinwohletwas tun mochte, sondern es ging auch die Lust verloren, durcheigene Arbeit sich eine befriedigende Existenz zu schaffen.

2) Eumen. Grat. act. Kap. VI u. VII.