210
Die byzantinische Volkswirtschaft.
der Lombardei und Spanien . Es ist eine geschäftige Stadt,und Kaufleute kommen dahin aus jedem Lande zur See undzu Land, und es findet sich keine ihresgleichen in der Weltaußer Bagdad, der großen Stadt des Islam . Der unendlicheReichtum, welcher aus jedem Reiche, aus jedem Ort undjeder Festung in diese Stadt strömt, übersteigt die Kraftder Einbildung und übertrifft den Reichtum der gesamtenWelt. Innerhalb der Sophienkirche ist eine Unmasse vongoldenen und silbernen Säulen. In dem Palaste des Kaisersbefinden sich Schätze und Edelsteine, deren Wert gar nichtzu bestimmen ist. Die Bewohner der Stadt sind wohl-habend, tragen seidene Gewänder und über diese gold-gestickte Mäntel. So gekleidet, bewegen sie sich zu Pferdherum und sehen aus, als wären sie Prinzen. Das Land istgroß und reich an Brot und Fleisch und Wein, und in derWelt gibt’s keine reicheren Leute als hier.“
Und als 50 Jahre später aus diesen im Herzen ge-hegten Visionen und all der so erregten Begehrlichkeit dervierte Kreuzzug hervorging, scheint die Wirklichkeit dieTräume der Abendländer noch übertroffen zu haben. Alsdie Lateiner, zur Eroberung von Konstantinopel heran-gerückt, vor San Stefano Anker warfen und es von ihrenSchiffen aus erblickten, konnten, so schreibt Villehar-douin 1 ), „die, welche es noch nicht gesehen, nicht glauben,daß es in der ganzen Welt eine so reiche Stadt geben könnewie diese, mit ihren hohen Mauern, ihren Riesentürmen, mitihren prachtvollen Palästen und ihrer unglaublich großenZahl herrlicher Kirchen, mit einer Länge und Breite dieserStadt, die sie zur Fürstin machten unter allen Städten“.Als sie aber die Stadt erobert hatten und sich der Schätzebemächtigten, deren Traum seit Jahrhunderten ihre gierigeSeele erfüllt hatte, nahm ihr Wundern nicht ab. „DieBeute“, schreibt derselbe Villehardouin 2 ), „war so groß,daß man sie nicht zählen konnte: Gold, Silber und Edel-
1) Villehardouin, Conquete de Constantinople, Chapt.XXVI.
2) Villehardouin, Chapt. IV.