Die byzantinische Volkswirtschaft.
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steine, goldene und silberne Gefäße, seidene Gewänder undPelzwerk und was es sonst Schönes auf dieser Erde gibt.“
All dieser Reichtum, all diese Macht und Herrlichkeitwurzelten aber ausschließlich in Gewerbe und Handel. Da-gegen waren die landwirtschaftlichen Verhältnisse im byzan-tinischen Reiche derart, daß in ihnen eine der Hauptrursachen seines Untergangs zu erblicken ist.
Das ist nicht zu verwundern, wenn wir uns der land-wirtschaftlichen Zustände in der weströmischen Reichs-hälfte erinnern, wie ich sie für die letzten Jahrhundertedes weströmischen Reiches geschildert habe. In beidenReichshälften waren die wirtschaftlichen und politischenVerhältnisse dieselben. In beiden dieselbe Aufsaugung desKleinbesitzes durch den Großgrundbesitz, in beiden dasselbegutsherrlich-bäuerliche Verhältnis, um diesen nutzbar zumachen, und in beiden auf Grund desselben eine steigendeUnabhängigkeit der Großgrundbesitzer von der Zentral-gewalt und schließlich die Auflösung des Reiches. Wasdiese in der östlichen Reichshälfte so lange aufgehalten hat,war, daß hier im Gegensatz zur westlichen die Erträgnissevon Gewerbe und Handel der Zentralgewalt die Mittelgaben, das Übergewicht über die großen grundherrlichenFamilie: zu behaupten. Solange dies der Fall war, hat dasbyzantinische Reich fortbestanden.
Vergegenwärtigen wir uns die landwirtschaftlichen Zu-stände im byzantinischen Reiche.
Wir haben bei Besprechung der römischen Volkswirt-schaft kennen gelernt, wie zur Zeit des Ausgangs der rö-mischen Republik und in den ersten Jahrhunderten der Kaiser-zeit der Latifundienbesitz in Italien wie in den Provinzenentstanden ist. Usurpationen öffentlicher Ländereien durchKapitalisten, Verschuldung des Kleinbesitzes, die Ver-wandlung des ager publicus in große kaiserliche Domänen,der entstehende Großgrundbesitz der Kirche und der Miß-brauch der öffentlichen Gewalt seitens der großen Beamtenin ihrem Privatinteresse haben, wie wir gesehen haben,dazu geführt, daß im 4. und 5. Jahrhundert der Boden inden Provinzen nördlich der Alpen weit mehr großen Do-
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