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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Rasse, der Religion, des Zeitalters. Die normalenGlieder der Antike vertreten bei ihr gewisse normaleTriebfedern, welche das Handeln der Menschen be-herrschen, und zwar gibt es in ihrer Psychologie nurzwei Triebfedern menschlichen Handelns. Die einedavon ist das Streben nach dem größtmöglichen Gewinn.Dies ist das Prinzip, das nach ihr alle menschlichenBeziehungen, bei denen nicht der Geschlechtstrieb inFrage kommt, allgewaltig beherrscht. Der Geschlechts-trieb allerdings gilt ihr als noch gewaltiger. Wo beideTriebfedern in Konflikt kommen, unterliegt ihm dieandere. Aber überall sonst herrscht der Erwerbstrieb.Dabei ziehen die französischen Physiokraten, AdamSmith , Ricardo und die übrigen Häupter der klassischenNationalökonomie, die volle Konsequenz dieser Auf-fassung. Nicht etwa, daß sie zugeben, daß die individuelleDummheit, welche die Erkenntnis des Vorteils verhindere,eine Verschiedenheit zwischen ihren Lehrsätzen unddem wirklichen Handeln der Menschen zur Folge habenkönne. Diese Konzession an die Wirklichkeit ist erstvon ihren Schülern gemacht worden, welche ihre Methodezu verteidigen suchten. Jenen Häuptern der Schuledagegen sind alle Menschen, der Philosoph wie derLastträger, von Geburt gleich begabt; ein jeder istihnen ferner in gleichem Maße von dem Triebe nachReichtum beherrscht; da alle gleich sind, erkennt auchein jeder selbst am besten, was sein Vorteil erheischt.Und daher ja jenes Verlangen, alle Bevormundung zubeseitigen, da sie nichts anderes als die unverschämtesteAnmaßung sei!

Es muß sofort zugestanden werden, daß die ausden genannten Triebfedern abgeleitete Volkswirtschafts-lehre einen eigentümlichen Zauber auf jugendliche Ge-müter anszuüben pflegt. Nachdem der Geist der jungenLeute lange Jahre hindurch auf den Gymnasien mit