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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Die klassische Nationalökonomie

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allen dem Leben fernstehenden Kenntnissen überfüttertworden ist, kommen sie nach Wirklichkeit dürstendzur Universität. Da treten in der klassischen National-ökonomie, wenn auch nicht das wirkliche Leben, sodoch die Fragen, die das Leben bewegen, zum erstenMale an sie heran, und da die Theorie nichts wenigerals idealistisch ist, gilt sie als realistisch. Dabei hatdie lediglich formale Ausbildung, die ihr Geist bishergenossen, ein lebhaftes Bedürfnis nach übersichtlicherErfassung und einheitlicher Erklärung in ihnen ent-wickelt. Und kein Zweifel, daß die klassische National-ökonomie diesem Bedürfnisse entgegenkommt. Ist dochnach ihr alles so einfach! Wenige allgemeine Sätze,und die ganze Welt liegt da, wie ein offenes Buch.Auch erscheint es, um urteilen zu können, nicht nötig,sich mühsam positive Kenntnisse zu erwerben. Sieermöglicht ein fertiges Urteil über alle jene öffentlichenFragen, welche die Jugend so locken. Ja selbst zurwissenschaftlichen Tätigkeit bedarf es keines positivenStudiums der einzelnen Vorgänge des Lebens undkeines gelehrten Apparates. Ist doch das Bedauernbekannt, welches ein englischer Nationalökonom einemChemiker zuteil werden ließ, weil dieser der Be-obachtungen und eines dazu nötigen Laboratoriumsbedürfe, während er lustwandelnd durch Deduktion auswenigen allgemeinen Sätzen ewige Gesetze zu entdeckenimstande sei!

In der Hermannschen Schule aufgewachsen, habeauch ich einst den Zauber dieser Lehre empfunden.Allerdings währte sein Bann für mich nur kurz. Allzugewaltsam rückten die damaligen Zeitumstände selbstdem Anfänger den Widerspruch zwischen Wirklich-keit und Lehre vor Augen. Es war die Zeit FerdinandLassalles, und die Unfähigkeit der Doktrin, die vonder Agitation aufgeworfenen Fragen zu beantworten,