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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

um es in der vorteilhafteren anzulegen, wählt derArbeiter seine Beschäftigung je nach dem Stand derKonjunktur. Diese Erwägungen bestimmen sowohlseine erste Berufswahl als auch seinen späteren Berufs-wechsel. Als ob es ihm technisch und ökonomischmöglich wäre, jederzeit von der niedriger zur höhergelohnten Beschäftigung überzugehen, ist er heuteLandarbeiter, morgen Hutmacher, übermorgen Baum-wollspinner, dann wieder Maschinenbauer, Tischler,Uhrmacher usw. Daher auch die Lehre, daß ebenso,wie die Kapitalgewinnste der verschiedenen Anlagensich ausgleichen, in keinem Gewerbe der Lohnsatz aufdie Dauer höher sein könne, als in den übrigen,außer wenn besondere mit einem Gewerbe verbundeneUnannehmlichkeiten von ihm ahschrecken.

Genau so wie auf dem Weltmarkt der Warenpreissich nach den Schwankungen von Angebot und Nach-frage richtet, schwankt dieser Lohnsatz je nach demStand von Angebot und Nachfrage nach Arbeit; aberebenso wie der Warenpreis nach den Produktionskostengravitiert er stets nach dem, was der Arbeiter landes-üblich zum Leben braucht. Steigt er darüber, so machtes sich fühlbar, daß der Geschlechtstrieb noch gewaltigerist als der Erwerbstrieb, bis der Lohn wieder auf dasMinimum sinkt. Sinkt er darunter, so führt dies zurSteigerung der Sterblichkeit und diese wiederum zurLohnerhöhung. Und was bedeutet es, wenn dann regel-mäßig einige Sätze eingeschohen sich finden, in denenanerkannt wird, daß dieses Minimum je nach Landund Zeit ein verschiedenes ist! Bleibt doch diesesAnerkenntnis für alle weiteren Erörterungen ohneBelang, indem diese trotz desselben jenes Minimum alsdurch die Kornpreise bedingt voraussetzen. Die Korn-preise erscheinen somit als der Haupt-Lohnregulator.Daher das eherne Lohngesetz Ferdinand Lassalles.