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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Die klassische Nationalökonomie

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konnte man neuerdings die Beobachtung machen, wieangesichts der schlechten wirtschaftlichen KonjunkturRittergüter und größere Bauerngüter bei Subhastationennur sinkende Preise erzielten, während gleichzeitig fürkleine Bauerngüter und einzelne Grundstücke steigendePreise bezahlt wurden. Der Großgrundbesitzer, derArbeitslohn zahlen muß, kann eben nur Preise ent-sprechend dem reinen Bodenerträge bezahlen; dagegenwar in den von den kleinen Leuten gezahlten Preisenein Teil des auf dem Grundstück zu verdienenden Arbeits-lohns kapitalisiert. Sie bezahlen diese Preise, weil siedie Landwirtschaft nicht als ein Gewerbe betrachten,sondern nur als eine Ernährungsgelegenheit, und zwarals eine solche, welche ihnen Selbständigkeit und Un-abhängigkeit verleiht. Nun kennt die klassischeNationalökonomie zwar ein Streben nach großem, nichtaber nach unabhängigem Einkommen, und außerdemist ihr abstrakter, nach dem größtmöglichen Gewinnstrebender Mensch ein Kapitalist und kein Bauer. Wiesollten ihre Deduktionen da zutreffen, wo sowohl dieBeweggründe des Handelns als auch die Verhältnisse,unter denen und für welche gehandelt wird, ihr gleichfremdartig sind!

Leider hat das Unglück gewollt, daß auch hierdie Mängel der Theorie nicht ohne schlimme praktischeFolgen geblieben sind. Die Preise, welche so von sehrverschiedenartigen Beweggründen beeinflußt zustandekommen, werden häufig nach den Lehren der klassi-schen Nationalökonomie als dem reinen Bodenerträgeentsprechend behandelt. Sie werden z. B. bei Kredit-gewährungen, bei Erbteilungen zugrunde gelegt, alsob sie auch nicht ein Teilchen kapitalisierten Arbeits-lohnes enthielten, und es sind ganz unerträgliche Ver-schuldungsverhältnisse hieraus hervorgegangen. Erstneuerdings hat hier die realistische Betrachtungsweise

L, Brentano, Der wirtschaftende Mensch. 2