Die klassische Nationalökonomie
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nissen vom Weltmarkt abhängig werden. Liegt einer-seits die Rechtfertigung dieser schärferen Spannungdes wirtschaftlichen Egoismus in diesen Verhältnissen,die sie hervorrufen, so erscheint dieselbe damit anderer-seits doch als etwas durchaus Modernes. Es handeltsich dabei nicht um einen den Menschen gemäß ihrerNatur gleichmäßig innewohnenden Trieb, sondern jenesStreben wird erst durch gewisse historische Entwick-lungen ausgebildet 1 ). Allein auch heute noch ist esnicht das ausnahmslos alle wirtschaftlichen Er-
*) Ebenso wie mit dem Aufkommen des Merkantilsystems dasStreben nach dem größtmöglichen Gewinn auch andere Wirt-schaftsgebiete als den Handel im Leben zu beherrschen beginnt,liegt auch bereits den Ausführungen der merkantilistischen Schrift-steller die Vorstellung zugrunde, daß dieses Streben bei allen dieWirtschaft betreffenden Handlungen das ausschließlich Maßgebendesei. Der Unterschied zwischen den sog. Merkantilisten und demklassischen Nationalökonomen liegt also nicht in der Auffassungvom Menschen. Hier sind jene schon genau so einseitig wie diese.Er liegt auch nicht in den Zielen; in dieser Beziehung zeigt-esvielmehr von großer Unkenntnis, wenn heute vielfach, selbst vonGelehrten, Gesichtspunkte als „manchesterlich“ bezeichnet werden,die bereits für die Merkantilisten des 17. und 18. Jahrhundertsdas Entscheidende sind; so z. B. wenn in Besprechungen desWerkes von G. F. Knapp über die Bauernbefreiung in Preußen Gesichtspunkte, welche für die großen englischen Agrarschrift-steller des 18. Jahrhunderts wie Anderson, Marshall und vor allemfür den agrarischen Schutzzöllner Arthur Young in den landwirt-schaftlichen Organisationsfragen die maßgebenden waren (vgl.A. Young, Political Arithm. London 1774 p. 47 und Ricardo, Worksed. Mc. Culloch, S. 210—211), mit den Beiworten „freihändlerisch“oder „manchesterlich“ belegt wurden. Der Unterschied zwischenden Merkantilisten und den klassischen Nationalökonomen bestehtbloß in den Mitteln, welche zur Erreichung der Ziele empfohlenwerden. Und hier verdienen die Merkantilisten entschieden denVorzug, indem sie bei ihren Vorschlägen die konkreten Verhält-nisse berücksichtigen, in denen der wirtschaftliche Egoismus sichbetätigen soll, während die klassischen Nationalökonomen nur denabstrakten Menschen „im luftleeren Raum“ vor Augen haben.