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Das war eine vollständig neue Auffassung, imWiderspruch mit dem das Leben beherrschenden römi-schen Hecht und im Widerspruch zu der stoischenPhilosophie, die mehr und mehr in diesem zur Geltunggelangt war.
Die Stoa hatte als Ideal das vernünftige, derNatur gemäße Leben gelehrt 1 ). Sie hatte das Strebennach Reichtum als weise gebilligt, denn der Reichtumsei der Armut vorzuziehen, da er ein tugendhaftesLeben erleichtere. Sie hatte gelehrt, daß das, wasfür den einzelnen naturgemäß und vernünftig sei,dies auch für die Gesamtheit der Menschen sei, unddaß der einzelne, der dem Vernunftgesetz folge, not-wendig zugleich zum Vorteil der Gesamtheit wirke.Das individuelle Streben nach Gewinn steht nach ihrdem, was für aequum et bonum gelten müsse, nichtentgegen ; vielmehr verlange die aecjuitas eben Freiheitfür die Betätigung des Egoismus im Erwerbsleben.Und wenn Pomponius auf Grund dieser Anschauungengeschrieben hatte 2 ): jure naturae aequum est, neminemcum alterius detrimento et injuria fieri locupletiorem,so hatte derselbe Pomponius doch auch weiter gesagt— und Paulus hatte es wiederholt —, daß bei Kaufund Verkauf jeder das natürliche Recht habe, einenGegenstand, der tatsächlich mehr wert sei, für einGeringes zu kaufen, und einen Gegenstand, der wenigerWert besitze, für einen hohen Preis zu verkaufen, undjeder könne den anderen übervorteilen 3 ). Man gingeben von der Auffassung aus, daß, wenn jeder sein
’) Vgl. Zeller, Philosophie der Griechen III 1. Abt. 1. Abschn.Abs. 4. — Schwegler, Gesch. d. Philos. § 17.
2 ) 1. 206 D. de Reg. jur. 50, 17 und 1. 14 D. de cond. in-debiti 12, 6.
3 ) 1. 22 § 3 D. loc. cond. 19, 2 und 1. 16 § 4 D. de minor. 4, 16.