Ethik und Volkswirtschaft in der Geschichte 69
jeder in wirtschaftlichen Angelegenheiten sich lediglichvon seinem eigenen Interesse leiten läßt.
So war die Volkswirtschaftslehre hei ihrem größtenMeister bei der Auffassung wieder angelangt, von derschon die stoische Philosophie und das von ihr beein-flußte römische Recht ausgegangen waren. Denn wiedie Stoiker lehrten, gibt es nur ein Gesetz, das dengesamten Stoff durchdringt; es besteht die unbedingteAbhängigkeit aller Dinge von der Vernunft, welchedas Weltganze beherrscht und seinen Lauf bestimmt.Es kann daher auch kein Widerspruch zwischen dernatürlichen und der sittlichen Ordnung stattfinden.Das Sittengesetz kann kein anderes sein als das Ge-setz, das die Natur der Dinge beherrscht. Das ethischeGesetz herrscht in der Natur; das Naturgesetz istdas ethische; das Vernunftgesetz ist das anerkannteNaturgesetz. Es besteht eine vollkommene Harmoniezwischen Natur und Vernunft.
Mit dieser Auffassung war das größte Hindernis,welches der wissenschaftlichen Erkenntnis des Wirt-schaftslebens im Wege gestanden hatte, beseitigt. DieWirtschaftsordnung, wie sie sich als Ausfluß der Naturdes Menschen und der Dinge ergab, war damit alsetwas Notwendiges anerkannt. Damit mußte an dieStelle der Lehre dessen, was nach irgend einem vor-gefaßten Urteile sein sollte, das Streben treten, dasSeiende zu verstehen, also die wirtschaftlichen Tat-sachen festzustellen und’Hhren Kausalzusammenhangzu erkennen.
Aber freilich, die Forschungsmethode der Physio-kraten, wie auch A. Smiths, litt an einem Fehler,dessen Ansätze sich schon hei Petty beobachten lassen.Der Eigennutz war ihnen nicht bloß die Haupttrieb-feder wirtschaftlichen Handelns, aus welcher vorherbeobachtete Erscheinungen sich nachträglich zumeist