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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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89
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 89

gemeinsam gegeben ist, nicht verteilt, sondern gemein-sam besessen werden solle, nicht von Clemens Romanus ,welchem das Decretum Gratiani sie zuschreibt. Auchdiese Worte beruhen auf einer pseudo-isidorischenFälschung, wie ich selbst schon früher einmal betonthabe 1 ). Für meine Darlegung ist dies aber ganz gleich-gültig, da der in den Worten Pseudo-Isidors zum Aus-druck gelangte Gedanke der Lehre des christlichenAltertums entspricht, wie die Aussprüche eines Clemensvon Alexandrien, eines Cyprian , Basilius, Hieronymus,Augustinus , Chrysostomus beweisen. Bei Clemens vonAlexandrien heißt es 2 ):

Gott hat die Menschheit zu brüderlicher Gemein-schaft erschaffen, indem er zuerst seinen Sohn hingabund den Logos verlieh als Gemeingut für alle, allesgewährend für alle. Alles ist also gemein-sam, und die Reichen sollen nicht mehrhaben wollen als andere. Das Wort:Ichhabe es, warum soll ich es nicht genießen? ist alsonicht menschlich, nicht brüderlich. Mehr nach christ-licher Liebe klingt ein anderes:Ich habe es; warumsoll ich nicht anderen mitteilen ? Ein solcher Menschist vollkommen und erfüllt das Gebot:Du sollst

deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Das istwahrer Genuß, das ist ein reicher Schatz .... Ichweiß es: Gott hat uns das Recht des Genusses ge-geben, aber nur bis zur Grenze der Notwendigkeit, undseinem Willen nach muß der Genuß gemein-sam sein. Es ist nichtinderOrdnung, daßeiner imUberfluß sitzt, während mehreredarben.

x ) Brentano, Die Arbeiterversicherung gemäß der heutigenWirtschaftsordnung. Leipzig 1879, S. 254.

2 ) Paedagog. II, c. 12. Migne, Patr. graeca VIII, 542, 543.