Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 93
alle später Eintretenden wegdrängt und so sich alleinanmaßt, was allen zum Gebrauche gemeinsam gegebenist, den Satz gestellt: „Die Erde ist allen Menschengemeinsam gegeben; niemand nenne sein eigen, wasüber seine Notdurft aus dem, was gemeinsam ist, undgewaltsam erlangt ist.“ Die so übersetzte Rede galtdann Jahrhunderte lang als Werk des hl. Ambrosius;Thomas von Aquin hat sie als solches angesehen undkommentiert ‘); sie steht als solches auch in der vonmir benützten Pariser Ausgabe von 1561 und in anderenAusgaben. Auch ist dies wohl begreiflich, dennAmbrosius hat in seiner Schrift „von den Pflichtender Kirchendiener“ da, wo er den Gegensatz zwischendem Begriff Gerechtigkeit bei den heidnischen Philo-sophen und dem christlichen Begriff der Gerechtigkeiterörtert, folgendermaßen ausgesprochen 2 ):
„Sodann erschien es ihnen als ein Ausdruck derGerechtigkeit, daß man Gemeinschaftliches als Gemein-schaftliches und das, was öffentliches Wohl betrifft,ausschließlich als gemeinsame Angelegenheit, dagegendas Privatrechtliche ebenso als persönliche Sache be-handle. Das ist aber nicht einmal dem Naturrechteentsprechend: denn die Natur hat alles gemeinschaftlichfür alle ausgeströmt. So hat ja auch Gott befohlen,daß alles Wachstum allen gemeinschaftliche Nahrungbiete, daß die Erde gewissermaßen ein ge-meinschaftlicher Besitz aller sei. Die
fl Summa Theol. 2 a 2 se , qu. 66, art. 2.fl De off. ministr. I, c. 28. Migne, Patr. lat. XVI. 67. „Deindeformam justitiae putaverunt, ut quis communia, id est publicapro publicis habeat, privata pro suis. Ne hoc quidem secundumnaturam, natura enim omnia omnibus in commune profudit. Sicenim Deus generari jussit omnia, ut pastus omnibus communisesset, et terra foret omnium quaedam communis possessio. Naturaigitur jus commune generavit, usurpatio jus fecit privatum.“