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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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95
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 95

Wenn wir aber zu eigen besitzen, was für unsausreicbt, so gehört dies nicht uns, sondern den Armen,deren Verwaltung wir gleichsam führen, und wir sprechenuns nicht in verdammenswerter Usurpationdas Eigentum daran zu.

Geradezu kommunistische Ausführungen aber findensich bei Chrysostomus. In der zwölften Homilie überden I. Brief an Timotheus heißt es x ):

Sage mir, woher stammt dein Reichtum? Du ver-dankst ihn einem anderen ? Und dieser andere, wemverdankt der ihn ? Seinem Großvater, sagt man, seinemVater. Wirst du nun, im Stammbaum weit zurück-gehend, den Beweis liefern können, daß dieser Besitzauf gerechtem Wege erworben ist? Das kannst dunicht. Im Gegenteil, der Anfang, die Wurzel desselbenliegt notwendigerweise in irgendeinem Un-recht. Warum? Weil Gott von Anbeginn nicht deneinen reich, den anderen arm erschaffen und keineAusnahme gemacht hat, indem er dem einen den Wegzu Goldschätzen zeigte und den anderen hinderte,solche aufzuspüren, sondern allen dieselbe Erdezum Besitze überlassen hat. Wenn alsodiese ein Gemeingut aller ist, woher hastdann du so und so viel Tagwerk davon,dein Nachbar aber keine Scholle Land?Mein Vater hat es mir vererbt, antwortet man. Vonwem hat es denn dieser geerbt ? Von seinem Vorfahren.Aber man kommt jedenfalls zu einem Anfang, wennman zurück geht. Jacob war reich, aber sein Besitzwar Arbeitslohn. Der Reichtum muß gerecht erworben

quia tu habes et alter non habet, tu abundas et altereget. De ista mammona iniquitatis, de divitiis istis, quae iniquivocant divitiaa, fac tibi amicos et prudens eria: comparea tibi nonfraudariä. Migne, Patr. lat. XXXVI, 52.

l ) Migne, Patrol. graeca LXII, 563, 564.