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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lu jo Brentano

nichts, dann ist er gut; teilt er anderen mit, dann ister gut. Solange er bloß besitzt, kann er wohlkein guter Mensch sein.

Enthält schon diese Stelle eine leidenschaftlicheAnklage gegen das Privateigentum und eine begeisterteAufforderung zum Kommunismus, so noch mehr dieelfte Homilie des Chrysostomus zur Apostelgeschichte 1 ).Es ist von Sapphira und Ananias die Rede. Die Zu-stände, wie sie, nach der Apostelgeschichte, in derchristlichen Gemeinde damals bestanden, werden alsdie denkbar glücklichsten hingestellt. Es gab keineDürftigen. Indem die Reichen durch Hingabe ihresÜberflusses die Ungleichheit im Besitz beseitigten,wurden sie nicht arm, denn sie erhielten aus dem indas Gemeinsame Eingeworfenen das, was sie brauchten,wieder; die Armen hörten auf, arm zu sein. Wenndies wieder eingeführt würde, würden Reiche wieArme mit größerer Lust leben ; und darauf geht Chry-sostomus zur Beschreibung des Zustandes über, wie eralsdann in Konstantinopel herrschen würde:

Ich habe gesagt, alle möchten das Ihre verkaufenund in eins zusammenwerfen, und niemand verschlechteresich, sei er reich und arm. Wie viel Gold, glaubstdu, würde Zusammenkommen ? Ich schätze (denn auchdies kann nicht mit Gewißheit gesagt werden), wennjeglicher und jegliche all ihr Geld herausgäben,, wennsie ihre Ländereien, ihren Besitz, ihre Häuser icherwähne nicht ihre Sklaven, denn es gab damals keine,sondern die welche hatten, gaben ihnen die Freiheithergeben würden, so würde etwa 1 Million Pfund GoldZusammenkommen, vielleicht aber auch das Doppelteoder Dreifache . . . Wie groß aber ist die Zahl derArmen ? Ich schätze sie auf nicht mehr als 50 000.

*) Migne, Patrol. graeca LX, 9698.