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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

der Notwendigkeit auch seine Stellung zu dem Streben,diesen Besitz zu vermehren. Stehen alle irdischenGüter im Eigentum Gottes und haben sie dem gemein-samen Gebrauche der Menschen zu dienen, erscheintein jeder für alles, was er über das Notwendige besitzt,nur als der Verwalter zugunsten derjenigen, die nichtshaben, und alles, was er darüber für sich verwendet,als in verdammenswerter Weise von ihm usurpiert, sogibt es nichts, was verwerflicher sein könnte, als dasStreben nachdem gr ößtmögliclienGewinn.Damit aber war dem eigentlichen Handel das Urteilgesprochen, d. h. dem gewerbsmäßigen Bestreben, mög-lichst billig einzukaufen, um möglichst teuer wiederzu verkaufen. Gewiß, es war an sich denkbar, daßder Handel auch frei von Gewinnsucht betrieben wurde.Solche, welche den gewinnsüchtigen Handel verurteilen,haben, wie Thomas von Aquin 1 ), doch den Händler aus-genommen, der lediglich Handel treibt, damit anderenicht eine Ware entbehren; wogegen freilich schonAdam Smith bemerkt hat 2 ), daß selbst Kaufleute nurselten vorgeben, nur um der öffentlichen Wohlfahrtwillen Handel zu treiben. Es war ferner an sichdenkbar, daß der Händler beim Einkauf bestrebt sei,dem Verkäufer einen gerechten, d. h. den seinen Be-schaffungskosten entsprechenden Preis zu zahlen undbeim Wiederverkauf sich mit einem Zuschlag zu be-gnügen, der ihm gerade gestattete, sich und seineFamilie zu erhalten. 'Einen solchen Handel, der nichtnach Beichtum strebt, hat das Christentum der dreiersten Jahrhunderte sogar den Geistlichen gestattet 3 ),um ihnen die Beschaffung des Lebensunterhalts zu er-

*) Summa Theo ], 2 a 2»°, qu. 77, art. 4.

2 ) Wealth of Nations IV, c. 2.

3 ) Vgl. Harduin Gone. I, 252, can. 18.