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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 103

möglichen. Ja, es war sogar denkbar, daß jemand nurHandel trieb, um Dürftigen Almosen zu geben; undwenn es gestattet war, selbst Fremdes zu nehmen, umeinen in äußerster Not Befindlichen zu unterstützen,so mußte auch solcher Handel erlaubt sein. Aber solchedelmütiger Handel war es nicht, bei dem die eigent-liche Natur des Handels zum Ausdruck kam. Wederin dem Maße seines Gewinns beschränkt noch aus al-truistischen Motiven war der Handel entstanden. Erwar hervorgegangen aus dem nicht kriegerischen Ver-kehr mit Fremden. Der Fremde aber, auch wo manihm nicht mit der Waffe entgegentrat, blieb immerder Feind. Im Verkehr mit ihm gab es keine Gebunden-heit durch Herkommen. Hier herrschte ausschließlichdas Streben nach dem größtmöglichen Vorteil. Diesgilt für alle Völker. Auch im Alten Testament trittuns dies dem Handel eigentümliche Prinzip in drasti-schen Bestimmungen entgegen 1 ). Und so nahm imHandel das Streben nach dem größtmöglichen Gewinnseinen Anfang, um von da aus sich alle übrigen Er-werbszweige mehr und mehr zu unterwerfen. WennPaulus an Timotheus schrieb 2 ):Wenn wir Nahrungund Kleidung haben, so lasset uns begnügen. Denndie Erwerbsgier ist die Wurzel alles Übels, so wares demnach, wie ich in meiner Hede gesagt habe,nurfolgerichtig, wenn die Kirchenväter mit ihrer kraft-trotzenden Beredsamkeit den Handel verurteilten: dennder Handel erschien von Anfang an als der Trägerdes verpönten Strebens nach dem größtmöglichenGewinn.

Nun ist allerdings die Stelle, welche ich dem

) 5 Mose XXIII, 19, 20; XY, 2, 3; XIY, 21. Vgl. auch3 Mose XXY, 44 46.

a ) Brief I, c. VI, 8-10.