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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Corpus Juris Canonici x ) entnommen habe:NullusChristianus dehet esse mercator, aut si voluerit esse,projiciator de ecclesia Dei, nicht von Chrysostomus .Wenn ich, indem ich sie ihm zuschrieb, geirrt habe,so befinde ich mich dabei in Gesellschaft aller mittel-alterlichen Kirchenlehrer, vor allem des Thomas vonAquin * 2 ); und nach den oben angeführten Reden desChrysostomus über das Eigentum ist nicht zu ver-wundern, daß sie ihn auch dieses Satzes für fähighielten. Es ist aber für unsere Betrachtung ganzgleichültig, ob die Stelle von Chrysostomus stammtoder nicht. Nicht die Lehre des Chrysostomus ist hierin Frage, sondern das Verhältnis des christlichen Alter-tums zu den irdischen Gütern. Diesem aber ist derangeführte Satz so sehr entsprechend, daß sich seinInhalt bei nicht wenigen anderen Vätern findet und ereben deshalb der Mittelpunkt aller Diskussionen derkirchlichen Schriftsteller des Mittelalters über denHandel geworden ist. Auch wenn ich den Satz alsvon einem anderen als Chrysostomus herrühend be-zeichnet hätte, so hätte seine Erwägung als des klassi-schen Ausdrucks der Anschauung, zu der alle folgendenStellung nehmen, nicht unterbleiben können.

Ein paar Belege für die Behauptung, daß derInhalt des dem Decretum Gratiani entnommenen Satze,auch bei anderen Vätern sich finde! Da ist zunächstTertullian , der die Frage aufwirft:Ist ist schicklichfür den Christen, Handel zu treiben? Unter Bezug-nahme auf die angeführte Stelle in dem Briefe desPaulus an Timotheus antwortet er 3 ):Wenn die Ge-winnsucht ausscheidet, welche die Ursache des Erwerbs

*) Decr. Grat. I, D. 88, c. 11.

2 ) Summa Theol. 2 a 2 ae , qu 7, art. IV.

8 ) De idol. e. 11. Migne, Patr. lat. I, 752.