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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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107
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 107

Dürftigen glücklich preise und verlange, daß man sichnickt um den leiblichen Unterhalt kümmere. Des-gleichen sei der Eiuwand unzutreffend, daß man Ver-mögen brauche und für Kinder und Nachkommenschaftzu sorgen habe, da der Herr seinen Jüngern die Auf-gabe stelle, alles zu verkaufen und es den Armen zuschenken, und keiner, der zurückschaue, nachdem erdie Hand an den Pflug gelegt, zum Dienste tauglichsei. Die ganze Einrede komme nach Empfang derTaufe zu spät.

Nun ist Tertullian gewiß ein unerträglicherRigorist; aber auch andere ihm zeitgenössische Väterverurteilen, ausgehend von der Ungerechtigkeit desStrebcns nach Mammon, den Handel, und Tertullian geht über sie nur insoweit hinaus, als er auch denHandel verurteilt, der sich mit dem Zuschlag der not-wendigsten Betriebskosten zum Preise begnügt. Frei-lich hat man auch die übrigen Zeugnisse aus dem2. und 3. Jahrhundert hinweg zu interpretieren ge-sucht!

Wenn Irenäus J ) an derselben Stelle, wo er demHandel die natürliche Tendenz zu gewinnen zuschreibt,den Erwerb als etwas Ungerechtes bezeichnet, weiler in der Habsucht seine Quelle habe, und sogar denGewinn, den die Christen beim Handel mit den Heidenmachten, für schlimmer als den Raub der Gefäße undGewänder der Ägypter durch' die Juden bei derenAuszug aus Ägypten erklärt, und wenn Tjactantius * 2 )erklärt, daß der Gerechte, frei von Begierde nachfremdem Gut, keinen Grund habe, Schiffahrt zu treibenund Güter aus fremden Ländern herbeizuschaffen,

) Adv. haeres. IV, 30, 1. S. Irenaei Episc. Lugdunensis quaesupersunt omniS ed. Stieren. Lipsiae 1848. I, 658.

2 ) Divin. inst. V, c. 18. Migne, Iatr. lat. VI, 609.