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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

zum Hafen; dank der Langsamkeit des Schiffers wardas Schiff noch nicht abgefahren. Karpophorus springtin eine Barke, um es zu besteigen. Kallistus, der anBord war, sieht ihn nahen. Da er bemerkt, daß ernun gefaßt werde, glaubt er sich verloren und, einrasches Ende vorziehend, springt er ins Meer. Daraufgroße Aufregung. Die am Ufer versammelte Mengeschreit. Matrosen stürzen sich in Barken, und Kallistus,der trotz seines Widerstands herausgezogen wird, wirdseinem Herrn übergehen, der ihn nach Rom zurück-bringt und auf die Tretmühle schickt. Einige Zeitdarauf kam es, daß Brüder den Karpophorus aufsuchtenund ihn angingen, seinem Sklaven zu verzeihen. Siemachten geltend, daß der Unglückliche behaupte, erhabe das Geld in guten Händen. Karpophorus, derein sehr ehrlicher Mann war, antwortete, es liege ihmnicht an dem Geld, das ihm selbst gehöre, sehr wohlaber an dem, das ihm anvertraut worden sei; dennviele hätten sich beklagt, daß sie nur im Vertrauenauf ihn dem Kallistus das Geld anvertraut hätten.Er lies sich erweichen und entließ den Kallistus ausder Mühle. Der arme Kallistus aber hatte keinenPfennig, den er hätte zurückzahlen können ; auch konnteer nicht mehr davonlaufen, da man ihn genau über-wachte. So faßte er den Plan, zu sterben. An einemSabbat ging er unter dem Vorwand, seine Schuldnermahnen zu wollen, in die Synagoge, wo die Juden ver-sammelt waren, und begann zu lärmen. Die in ihremGottesdienste gestörten Juden überhäuften den Stören-fried mit Beschimpfungen und Schlägen und schlepptenihn vor das Gericht des Fuscianus, des Stadtpräfekten.Sie machten geltend, daß ihnen die ungestörte Aus-übung ihres Gottesdienstes gesetzlich gewährleistet sei;Kallistus aber habe ihn gestört, indem er gerufenhabe, er sei ein Christ. Während der Gerichtsver-