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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

gleichen Stamm angehöre, die gleiche Gesinnung hegeund des gleichen Logos teilhaftig geworden sei. NachFunk wäre also die Zinslehre des Neuen Testaments keine andere als die des Alten, wo es im 5. Buch Mose,Kap. 23, v. 19, 20 heißt:Du sollst an deinem Brudernicht wuchern, weder mit Geld, noch mit Speise, nochmit allem, damit man wuchern kann. An dem Fremdenmagst du wuchern, aber nicht an deinem Bruder.Wir müßten uns die Sache so vorstellen, daß, nachdemdie Juden bisher einander zinslos geliehen und nur vonNichtjuden Zins genommen hatten, Kallistus umgekehrtden Juden Zinsen abgenommen und dies die Billigungder Christen gefunden habe! Aber Clemens vonAlexandrien J ) spricht wohl aus, daß man Brüdern imweitesten Sinne des Worts zinslos leihen müsse, nichtaber, was Funk ihm unterlegt, daß man von Nicht-Brüdern Zins nehmen dürfe. Wie auch ließe sich dasletztere mit dem Satze Tertullians * 2 ) vereinen:Übleszu wünschen, Übles zu tun, Schlechtes zu reden undSchlechtes zu denken ist uns in gleicher Weise jedemgegenüber verboten ? Die Pflicht der Nächstenliebewar nach Tertullian für die Christen eine allgemeine;und kein Zweifel, daß er sich darin mit der LehreJesu (vgl. Lucas X, 2937) im Einklang befand. DieGeschichte des Kallistus beweist also, wenn sie über-haupt etwas beweisen soll, zu viel. Will man denSchluß daraus ziehen, daß die Christen der ersten Jahr-hunderte den Handel gebilligt hätten, so kann mansich dem weiteren Schluß nicht entziehen, daß sie auchdas Zinsnehmen billigten!

Und wie steht es mit der Stelle bei Cyprian ?Nachdem die Christen unter Commodus und seinen

') Strom. II, 18. Migne Patr. graeca VIII, 1023.

2 ) Apolog. c. 36. Migne, Patr. lat. 1, 523. Vgl. auch S. ThomaeAquinatis Summa Theol. 2 a 2 ae , qu. 78, art. I ad secundum etc.