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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Gewerbetreibenden, die ohne Gottesfurcht sind, gemeinist, daß sie aus Gewinnsucht und aus Furcht vorVerlust und Armut lügen und falsch schwören. Warumgerade den Handel aufgeben ? Oder soll ich etwaLandmann werden und Gott fluchen, so oft ein Ge-witter mir in die Quere kommt ? Soll ich gegenHagelschlag Zauberkünste zur Anwendung bringen?Sehnen sich die Bauern nicht immer nach einer all-gemeinen Hungersnot, damit sie ihre Vorräte teuerverkaufen können ? Ists vielleicht dies, dem ich michzuwenden soll? Wenn du aber antwortest, daß Bauern,die brav sind, von diesen Fehlern frei sind, so sinddies ganz ebenso die braven Kaufleute. Die Fehler,welche diesen vorgeworfen werden, sind Fehler derMenschen, nicht aber des Gewerbes, das sie betreiben.

Augustinus gibt dem Kaufmann, der so redenwürde, recht, und in einem Kommentar zu einem anderenPsalm 1 ) tröstet er den Kaufmann, der da sagt, er wissenicht, wovon leben, wenn er ohne Betrug Handel treibensolle:Nährte dich Gott nicht, da du gegen ihnsündigtest; wie sollte er dich verlassen, wenn du seineGebote befolgst ? Aber trotz aller Anerkennung, daßder Handel nicht notwendig sündhaft sei, bleibt dochauch Augustinus bei der Minderwertigkeit des Handelsaus dem schon oben angegebenen Grunde, daß er denGeist von Gott abziehe. Merito et negotium dictumest quia negat otium; er sucht nicht die wahre Ruhe:Gott 2 ). Auch hat Pabst Leo der Große , der ebensowie Augustin schrieb 3 ), daß einzig und allein die Art,wie ein Kaufmann seinen Handel betreibe, den Handel

*) In Psalm. XXXIII, 14; a. a. 0. p. 315.

2 ) In Psalm. LXX, 18; a. a. 0. p. 887, 888.

3 ) Migne, Patr. lat. LIY, 1206. S. Leonis Magni epistola adRusticum c. 11.