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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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133
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Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 133

Welches sind diese negotia? Alle Geschäfte, dienicht Vorkommen ohne einen Preiszuschlag zum Ein-kaufspreis, der die Beschaffungskosten und die Kostendes zum Unterhalt des Händlers Notwendigen über-steigt. Denn dieser höhere Preis bringt den schmutzigenGewinn. Der Maßstab für ehrlichen und unehrlichenHandel liegt, wie schon bemerkt, darin, daß sein Er-trag nicht größer ist, als die Deckung der notwendigstenBetriebskosten erfordert; mehr zu nehmen widersprichtdem Prinzip, daß der Genuß der den Menschen vonGott gegebenen Dinge gemeinsam sein soll und niemandvon seinem Besitze mehr für sich verwenden darf, alszum Leben notwendig ist.

Aber in welcher Weise sucht die Lehre des christ-lichen Altertums ihr ideal vom gerechten Preis zuverwirklichen ?

Hier kommen wir zum schwächsten Punkt derLehre. Wie die modernen Nationalökonomen gehen dieVäter von der Auffassung aus, daß die große Masseder Menschen in erster Linie vom Streben nach demgrößtmöglichsten Gewinne beseelt sei. Augustinus berichtetvon einem Schauspieler, der sich verpflichtete,allen zu sagen, was ein jeder wünsche; die Losungwar: Billig kaufen und teuer verkaufen. Und Ambrosiusführt aus * 2 ), daß Josua zwar imstande gewesen sei,die Sonne zum Stillstand zu zwingen, nicht aber derGewinnsucht Herr zu werden. Aber das einzige Gegen-mittel, welches die Väter kennen, ist die Ermahnungzur Genügsamkeit und Nächstenliebe und der Verweisauf die ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits.

') De Trinitate lib. 13, cap. 3. Migne, Patr. lat. XLII, 1017.

2 ) De off. ministr. II, b. 26, Nr. 130. Migne, Patr. lat.XVI. 146.