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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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135
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Die -wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums 135

leitung zum Edikt viel von der rasenden Gier und dermit reißender Wut überschäumenden Habsucht derHändler die Rede ist, der im Namen der Gerechtigkeitentgegenzutreten eine Gewissenspflicht der Väter desVolkes sei, so dürfen wir uns dadurch nicht irreleitenlassen. Wie Bücher treffend bemerkt 1 ): SozialpolitischeRücksichten auf die konsumierende Bevölkerung kamenbei Erlaß des Edikts sicher nicht in Frage; dermoralisierende Schwulst der Einleitung diente nur dazu,die wahren Gedanken des Gesetzgebers zu verbergen;im wesentlichen handelte es sich um eine münzpolitischeMaßnahme mit dem Nebenzwecke, die Lage der Truppenzu verbessern. Und ebensowenig war das Motiv desspäteren Preisedikts Julians 2 ) vom Jahre 362, durchwelches der Getreidepreis in Antiochien geregelt werdensollte, oder der ähnlichen früheren Maßnahmen desTiberius 3 ), Commodus 4 ) und Alexander Severus 5 ) einethisches. Der Zweck aller dieser Maßnahmen war,wie Bücher bemerkt 6 ), die städtische Menge für denImperator zu gewinnen.

Nun hat dieses Motiv gewiß bei den nach An-nahme des Christentums erlassenen Verordnungen überdie Preise auch eine Rolle gespielt. Das aber, wasneu ist, ist ihre Verquickung mit der Lehre der Kirchen-väter vom gerechten Preise; durch sie erhielt die vonverschiedenen Kaisern aus politischen Motiven ver-

q Ibidem 196.

2 ) Vgl. Ammianus Marcellinus XXII, 14, 1, rec. Eyssenhardt.Berolini 1871, p. 253. Libanii Sopbistae Orationes et Declama-tiones, ed. Reiske, Altenburg 1791, I, 587.

s ) Tacitus , Ann. II, 86.

4 ) Lampridius, Commodus c. 14 in Scriptores histor. Aug. rec.Peter p. 108.

5 ) Lampridius, Alexander Severus c. 22, ibidem p. 263.

*>) A. a. 0. 195.