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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Die Kirche und die Entwicklung zur Freiheit

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im Altertum aucli trotz Aristoteles siegreich geblieben.Sie bat, als es in der älteren Kaiserzeit die stoischePhilosophie Rom eroberte, auch die großen römischenJuristen erobert. Institutionen und Pandekten redenvon der Sklaverei als einer naturwidrigen Einrichtung 1 ).Die römischen Juristen sind es, die den Grund gelegthaben zu den unveräußerlichen Menschenrechten dermodernen Emanzipationstheorien. Unter ihrem Einflußhat die erste Kaiserzeit die Sklaverei ungemein ge-mildert , und es wäre sicherlich noch im römischenReiche zur gänzlichen Abschaffung der Sklaverei ge-kommen, wenn nicht im 3. und 4. Jahrhundert diewirtschaftliche Entwicklung eine so rückläufige gewesenwäre, daß der Fortbestand der Unfreiheit wiederumals das Zweckmäßige erschien.

Dagegen haben sich Christus und die Apostelnirgends direkt gegen die Sklaverei ausgesprochen, undPaulus hat dazu aufgefordert, daß ein jeder in seinemStande bleibe. Nicht etwa, weil er, wie man gesagthat, eine Umsturzbewegung zu entfesseln sich scheute.Er sah einen viel größeren Umsturz voraus 2 ). ImHinblick auf das nahe bevorstehende Hinschwinden dergegenwärtigen Weltgestalt erschien alle irdische Un-gleichheit als gleichgültig gegenüber der Gleichheitaller, die nicht sündigen, vor Gott . Daher er an dieKorinther I, 7 schrieb :Wurdest du als Sklave be-rufen , laß es dich nicht kümmern; doch kannst dufrei werden, so brauche dess viel lieber 3 ). DieAbschaffung der Sklaverei wurde von den Apostelnnicht einmal als entfernte Möglichkeit ins Auge gefaßt.

») Inst. 13, 2. Dig. 15, 4 § 1.

2 ) . Siehe Paulus, Corinth. I 7, 26, 2931. Römer 13, 11.

3 ) Die Vulgata übersetzt:Servus vocatus es? Non sittibi curae: sed etsi potes fieri über, magis utere.

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