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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Und so ist es mit der Kirche der ersten drei Jahr-hunderte gehliehen. Vor ihren Augen haben sich dieerwähnten Reformen im Zustand der Sklaven durchdie Kaiser Augustus bis Septimius Severus vollzogen;nirgends ist sie aus ihrer völligen Gleichgültigkeitihnen gegenüber hervortreten. Erst der späteren Zeithat sich der Widerspruch zwischen den an alle ohneAusnahme gerichteten Aussprüchen Christi und derSklaverei aufgedrängt, und nicht erst moderne Apolo-geten wie Möhler und Hefele haben geschrieben, daßdie anerkannte Gleichheit aller vor Gott in der Gleich-heit aller vor dem Recht ihr Abbild finden müsse.Der heil. Augustinus hat sehr im Gegensatz zu dengottgewollten Abhängigkeiten des Herrn von Beth-mann-Holl weg geschrieben: N achdem Gott dem Menschenden Verstand verliehen und ihn nach seinem Vorbildegeschaffen hatte, wollte er ihm die Herrschaft nur überdie unvernünftige Schöpfung übertragen: es sollteherrschen nicht der Mensch über den Menschen, sondernder Mensch über das Vieh. Und kein Zweifel, daßnach der Lehre der Kirchenväter, nach welcher vonNatur Kommunismus bestanden hat und das Eigentumerst durch Usurpation entstanden ist, das Eigentumdes Menschen am Menschen erst recht naturwidrig ge-wesen ist. Chrysostomus erblickte in dem Sündenfallund der Erbsünde die Ursache der Existenz sowohldes Eigentums als auch der Sklaverei. Nun warenja aber die Christen durch die Taufe von den Folgendes Sündenfalls erlöst. Nach Chrysostomus hätte esdenn auch wirklich in der ersten Christengemeindeweder Eigentum noch Sklaven gegeben r ). Allein jeden-falls hat auch die Kirche die aus den Lehren Christi

*) M i g n e , Patrol. graeca, LX, 9698. Vgl. auch Möhler,Gesam. Schriften, herausgeg. von Döllinger II, 91.