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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Die Kirche und die Entwicklung zur Freiheit

und Abgaben durch gemessene und schließlich zurErsetzung des unfreien Arbeiters durch den freien. Andie Stelle der Fixierung der Arbeitsbedingungen durchden Herrn trat zunächst die durch Behörden unddann die durch freie Vereinbarung zwischen Arbeit-geber und Arbeiter im Arbeitsvertrag. Damit dieserwirklich frei sei, bestimmt die moderne Gesetzgebungdie volle Gleichberechtigung beider beim Abschluß desArbeitsvertrags und entschließt sich, alle früheren Ver-bote von Verabredungen zur Erzielung besserer Arbeits-bedingungen zu beseitigen. Notwendig aber ist, daßdiese Koalitionsfreiheit in Wirklichkeit und nicht bloßauf dem Papier bestehe. Sonst Fortbestehen allerNachteile der widerwillig geleisteten Arbeit.

Das Prinzip der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeithat aber nicht nur die Entwicklung von der Unfreiheitzur Freiheit getragen; diese unter seinem Einflußstehende Entwicklung hat auch die diesbezüglichenAnschauungen der Kirche erzogen. Der große Politikerauf dem päpstlichen Stuhle, Leo XIII. , bietet dafürden schlagendsten Beweis. Er hat unrecht gehabt,als er 1888 an die brasilianischen Bischöfe schrieb,als ob die katholische Kirche seit den ersten Zeitendes Bestehens des Christentums der Gegner der Sklavereigewesen sei; sie hat ja gerade in den katholischen Ländern bis in die neueste Zeit bestanden, und derPeon im katholischen Mexiko ist noch heute tatsäch-lich ein Sklave. Der Bischof von Regensburg hatdiesbezüglich tausendmal recht gegenüber dem Papst.Aber Papst Leo XIII . hat tausendmal recht, wenn erdie wirtschaftliche Notwendigkeit, welche heute dieEmanzipationsbestrebungen der Arbeiter trägt, begriffenhat, und ebenso wie er in seiner Rechtfertigung desPrivateigentums auf Grund des Naturrechts den Lehrender Kirchenväter ins Gesicht geschlagen hat, welche