182
Eigentum keineswegs in Befolgung ihrer Eigentums-lehre. Angesichts dieses Widerspruchs zwischen Lehreund Lehen entstanden nun Reformbewegungen unterden Laien; das volkstümliche Ideal einer sozialen Reformwurde die Verwirklichung des Gedankens vom „armenLehen“. Da diese Bewegungen sich naturgemäß inerster Linie gegen die Kirche richteten, welche vonder Nachfolge Christi soweit sich entfernt hatte, suchtediese sie mit Gewalt zu ersticken. Diejenigen, welchedie christliche Welt in Übereinstimmung mit demEvangelium zu organisieren bestrebt waren, wurdenverfolgt, exkommuniziert und verbrannt.
Die frühesten hierher gehörigen Reformbewegungenhaben Hundeshagen (Ausgewählte kleinere Schriftenund Abhandlungen, Gotha 1874 I 35 ff.) und Döllinger (Beiträge zur Sektengeschichte des Mittelalters, Mün-chen 1890) erzählt. Dr. Friedrich Glaser hat in seinerSchrift J,Die franzikanische Bewegung“, Stuttgart 1903,einen Beitrag zur Geschichte sozialer Reformideen imMittelalter geliefert, hei dem ich etwas länger ver-weilen möchte. Denn die Franziskanische Bewegungbedeutet den letzten Versuch von sozialreformatorisclienBestrebungen innerhalb der katholischen Kirche aufGrund der evangelischen Lehre.
Glaser beginnt mit einer Schilderung der reforma-torischen Bestrebungen Arnolds von Brescia und dervon ihm hervorgerufenen Bewegung. Wenn die Nach-folge Christi, so lehrte Arnold, die Geistlichkeit zurArmut verpflichtet, so bedeutet der weltliche Besitzder Kirche ihren Abfall vom Evangelium. Wie könnenPapst und Kardinäle mit Petrus sagen: siehe, wirhaben alles verlassen und folgen dir nach ? oder: Silberund Gold besitzen wir nicht! Die AnschauungenArnolds griffen reißend um sich. Die Not des Volkeswar groß. Zahlreiche Bettlerscharen durchzogen das