Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
184
Einzelbild herunterladen
 

184

Lu jo Brentano

die Provence. Hier waren sowohl die sozialen Gegen-sätze als auch die Widersprüche zwischen der christ-lichen Lehre und dem christlichen Lehen am größten.Daher dortdie lombardischen Armen, hier dieWaldenser. Alle diese Bewegungen sehen ihren Haupt-zweck in der Bekämpfung der verweltlichten Kirche:Sie werden daher von der Kirche mit allen Waffen,welche ihr die Welt an die Hand gab, bekämpft.

Anders Franziskus von Assisi . Er predigt dieVerachtung des Reichtums nicht der Kirche, sondernder Welt überhaupt'. Wie Christus vom reichen Jüng-ling verlangt er Preisgabe des Besitzes und Verteilungdesselben an die Armen. Dabei aber ein bemerkens-werter Zug: Entsprechend der um sich greifendenkapitalistischen Entwicklung ist es der Geldbesitz, dermehr als aller andere Besitz dem Hasse des Heiligenbegegnet. Sehr begreiflich; denn im Gelde ließen sichdie Besitztümer anhäufen, wie dies hei keiner Besitz-form früher der Fall gewesen. Daher predigt Franziskusbesonders eindringlich die Verachtung des Geldes unddie Verwerflichkeit des Strebens nach Gewinn. Werihm folgt, soll fürder kein Geld annehmen, in Armutleben, arbeiten, aber nur gegen Nahrung, nicht gegenGeld, und findet er keine Arbeit, so soll er das Nötigesich erbetteln. Aber kein Aufhäufen des Überflüssigenin Sorge für den morgigen Tag. Alles, was er überdie bare Lebensnotdurft erhält, soll den Armen ge-hören. Und um die Klippen zu vermeiden, an denendas Mönchswesen bisher gescheitert, unternahm esFranziskus, das Armutsideal nicht bloß für den einzelnenMönch, sondern auch für die Kloster- und Ordens-gemeinschaft zu verwirklichen: auch die Gemeinschaftder Mönche, das Kloster, der Orden soll eigentums-unfähig sein. Bettelarm im wahren Sinne des Wortessollen die Brüder, auf den Ertrag ihrer Arbeit und