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Zur Genealogie der Angriffe auf das Eigentum
Brüdern. Schnell haben die Franziskaner unter demSchutz dieser Deutung nun Schätze gesammelt undPaläste errichtet.
Dieses rasche Preisgeben der wesentlichen Zügeder Franziskanischen Ordensregel ist um so beachtens-werter als gleichzeitig ein Wandel in der kirchlichenEigentumslehre stattfand. Unter dem Einfluß der neubekannt gewordenen Ethik und Politik des Aristotelesbewirkte Thomas von Aquin eine große Annäherungder kirchlichen Lehre ans Leben. Der Grundgedankeder Auffassung der Kirchenväter wird von ihm aller-dings prinzipiell festgehalten. Das Eigentum stehtnach wie vor allein hei Gott; aber den Menschen istder Gebrauch gegeben. Aber während die Kirchen-väter lehren, daß nach natürlichem Rechte alle Gütergemein seien, und im Privateigentum nur ein not-wendiges Übel erblicken, sucht Thomas ihre extremenAussprüche milder zu deuten; auch heiße, wenn mansage, daß von Natur alle Dinge gemein seien, diesnicht, daß das Naturrecht das Privateigentum verbiete,sondern nur daß dieses durch die menschliche Vernunftdem Naturrecht hinzugefügt sei. Als Gründe, warumdas positive Gesetz das Eigentum eingeführt habe,bezeichnet Thomas den gemeinen Nutzen, das indivi-duelle Interesse und das Interesse der Sache seihst.
Nun ist klar: wenn man alle Rechte, welche dasEigentum verleiht, einem anderen als dem Eigentümerzuspricht, macht man das Eigentum zu einem inhalt-losen Schemen, denjenigen dagegen, welcher jene Rechteausüben darf, tatsächlich zum Eigentümer. Das giltsowohl für die Eigentumslehre des Thomas als auchfür jene Wandlung der Franziskanischen Ordensregel,wonach den Franziskanern Besitz unter Zuschreibungdes Eigentumsrechts an die römische Kirche eingeräumtwurde. Diese Distinktionen vermochten daher die über-