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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Gewissens genannt. Arbeitseigentum sei ein Ziel derZukunft, entspreche aber nicht der Gegenwart.

Es war dann eigentlich nur die Hervorkehrungeiner anderen Seite der Auffassung Lockes, wennandere eine naturrechtliche Basis für das Eigentumdarin sahen, daß sie es als natürliche Erweiterungder Persönlichkeit hinstellten. Auch finden sich hier-für bereits Ansätze bei den Physiokraten. So fernerKant, Hegel und seine Schule. Darauf antwortetendie Nichteigentümer: auch wir bedürfen der äußerenDinge zum vollen Auswirken unserer Persönlichkeit.Voraussetzung dafür, daß das Eigentum in dieserWeise gerechtfertigt werden könne, ist, daß jeder dieMöglichkeit habe, zur Aufrechterhaltung seiner Per-sönlichkeit sich Eigentum zu erarbeiten. Diese Vor-aussetzung, von der auch Locke ausgeht, trifft nichtmehr zu. Daher Umwandlung und Erweiterung desEigentums, so daß es für jeden Menschen seinenatürliche und notwendige Ausdehnung in bezug aufdiese Dinge, das unerläßliche Werkzeug des Lebensund der Entwicklung wird.Aus der Apanage einergewissen Anzahl Menschen soll es das Erbteil Allerwerden. So Milleraud, der spätere Präsident derfranzösischen Republik, als er noch Sozialist war.

Dann kam Stahl und zeigte abermals eine neueSeite der Grundidee Lockes. Eigentum sei Stoff fürdie Offenbarung der Individualität des Menschen, abernicht bloß dies, sondern auch für die Erfüllung seinersittlichen Pflichten, besonders gegen sich und seineFamilie. Eigentum sei also nicht bloß ein Mittel derSelbstsucht, sondern auch der Pflichterfüllung. Inseiner 1864 erschienenen SchriftDie Arbeiterfrageund das Christentnm hat Freiherr von Ketteier,Bischof von Mainz, diese Auffassung Stahls in merk-würdiger Weise mit der der Kirchenväter verquickt,