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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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199
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Zur Genealogie der Angriffe auf das Eigentum 199

um mit Rücksicht auf die von diesen den Reichengepredigte Unterstützung der Armen das Postulatstaatlicher Subvention von Produktivgenossenschaftenabzulehnen: durch eine von Majoritäten dekretierteStaatshilfe werde dem Reichen die Möglichkeit ge-nommen , seine Pflicht gegenüber seinem armen Mit-bruder zu erfüllen. Dies ist eine Rechtfertigung desEigentums vom Standpunkte des Aristokraten. DerNichteigentümer dagegen erklärte, auch er habe dasBedürfnis nach Offenbarung seiner Individualität sowiePflichten gegen sich und andere. Er könne sich nichtdazu verstehen, durch das Eigentum anderer in Notversetzt und gehalten zu werden, um diesen Eigen-tümern als Himmelsleiter zu dienen, indem er ihnenGelegenheit gebe, an ihm, dem notleidenden Nicht-eigentümer , die Pflichten des Eigentums zu erfüllen.Er ziehe es vor, in der Lage zu sein, es nicht nötigzu haben, daß andere Pflichten gegen ihn erfüllten, undimstande zu sein, selbst seinen Pflichten gegen sichnachzukommen.

Adolph Thiers endlich, der im übrigen ein An-hänger der Arbeitstheorie war, suchte diese naturrecht-liche Begründung noch durch einen Erfahrungsbeweiszu verstärken, indem er die völlig unhaltbare Behaup-tung aufstellte, der eigentumslose Zustand sei gegendie Natur, indem es niemals einen Zustand ohne Eigen-tum gegeben habe; ein solcher sei unmöglich.

Das historisch Merkwürdigste haben wir dannunter dem Pontifikate Leos XIII . erlebt: in der En-zyklika De conditione opificumRerum novarum semelexcitata cupidine vom 15. Mai 1891 hat der Papstalle die vorstehenden naturrechtlichen Begründungendes Eigentums gewissermaßen enzyklopädisch zusammen-gefaßt. Es war dies eine große Neuerung. Die Kirchen-väter haben aufs energischte bestritten, daß das Eigen-