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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

fang an clen Handel mit Angehörigen anderer Wirt-schaftseinheiten beherrscht hat.

Somit ist der Handel der erste kapitalistischeWirtschaftsbetrieb gewesen').

Bald aber stellte sich als zweite Art neben denHandel das verzinsliche Darlehen * 2 ). Auch hier zuerst

Ygl. die folgende Abhandlung IX.

2 ) Wie ich bereits in meiner SchriftÜber Anerbenrechtund Grundeigentum, Berlin 1895, S. 17, 18, ausgeführt habe(vgl. seitdem auch Michael Hainisch , Die Entstehung desKapitalzinses. Leipzig und Wien 1907, S. 50 ff.; Eberhard Gothein, Die Reservearmee des Kapitals, Heidelberg 1913, S. 38), stammtdas Wort Kapital vielleicht aus der alten Viehleihe. Viehhäupterwurden hingegeben; Milch, Dünger, Kälber wurden als Zins ge-leistet; eine gleiche Zahl Viehhäupter, wie empfangen, wurdezurück-gegeben also nicht dieselben, die man empfangen hatte, sondernnur eine gleiche Zahl gleichartiger; die empfangenen und zurück-gegebenen Viehhäupter waren also ihrer Individualität entkleidet,waren vertretbare Sachgüter, und gleichzeitig diente das Vieh alsGeld. Es läßt sich also sagen, daß die auf dem Wege der Ver-leihung nutzbar gemachten Viehhäupter nicht nach ihren tech-nischen Eigenschaften, sondern nur nach ihrem Geldwert in Be-tracht kamen, alsMehrwert heckender Wert. Ein deutlichesBild dieser Verhältnisse ermöglichen uns die Brehon Laws ausdem 9. oder 10. Jahrhundert (vgl. P. W. J o y c e, A Social Historyof Ancient Ireland, London 1903, I, 14). Das Stammesvermügenbestand in Land und Vieh. An Land war ursprünglich Überfluß.Allein wenn auch Landbesitz zum Leben damals ebenso notwendigwar, wie heute die Luft, so konnte doch damals jemand ebenso-wenig vom Land wie heute von der Luft allein leben. Die nötigeVoraussetzung für die Nutzbarmachung des Landes war der Besitzvon ViehvonKapital. Daran aber war kein Überfluß. DasStammes-haupt wies das Vieh den einzelnen Stammesgenossen zu, die ihmdafür zu Renten, Diensten, Gefolgschaft verpflichtet wurden. Dabeiberücksichtigte es in erster Linie die ihm zunächst Stehenden,seine engere Familie, und schaffte somit die Grundlage für derenReichtum und damit deren Rang. So entstand ein Adel, aus-gezeichnet durch Viehbesitz, die Kuhherren. Die entfernter ver-wandten Stammesgenossen empfingen Vieh, sei es vom Stammes-