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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Lujo Brentano

Vermochte sich der Fremde aber zu verteidigen,so trat an die Stelle des kriegerischen Verkehrs mitFremden der Handel. Es entstanden Märkte, aufdenen der Austausch stattfand. Sie waren unter denSchutz besonderer Gottheiten gestellt. Allein wennman da, wie schon S. 21 und 215 bemerkt, dem Fremdenauch nicht mit Lanze und Schwert gegenübertrat, derFremde blieb immer der Feind. Der Güteraustauschmit ihm wurde daher nicht beherrscht durch das Her-kommen, sondern durch das Streben, den nach Lage derUmstände größtmöglichen Vorteil zu ziehen. Die Gott-heit, unter deren Schutz die neutralen Märkte gestelltwaren, war der Merkur, der Gott der Gesandtschaften,der Kauf leute und Diebe. Es galt nicht als Schande,den Fremden in diesem Verkehr zu übervorteilen; imGegenteil, die Überlistung desselben galt als Tugend.Damit steht die große Unehrlichkeit der Kaufleutealler Länder auf niedriger Kulturstufe in Zusammen-hang und die Verurteilung des Handels durch dieKirchenväter, die lehrten, daß heim Handel der Ge-winn des Einen nicht möglich sei ohne Verlust desAnderen.

So ist das Streben nach Wahrnehmung des größtmög-lichen Vorteils im Wirtschaftsleben zuerst im friedlichenHandelsverkehr mit demFr emden entstanden. Allein diesesPrinzip blieb auf das Gebiet des auswärtigen Handelsbeschränkt, solange die Volkswirtschaft noch wesent-lich nur für den eigenen Bedarf produzierte. Solangeblieb im inneren Handel und Verkehr, in Gewerbe undLandwirtschaft die Herrschaft von Autorität und Her-kommen bestehen. So waren die Preise, die der mittel-alterliche Kaufmann von seinen Stadtgenossen nehmendurfte, behördlich geregelt. Die Stadt bildete ebenim Mittelalter noch eine Wirtschaftseinheit, deren Mit-glieder sich nicht nur nach außen hin als ein Ganzes