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Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
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Handel und Kapitalismus

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Aus dem vorstehenden ergibt sich, wie weitSomhart mit den wiedergegebenen Gedanken desAristoteles übereinstimmt und wo er von ihm abweicht.Er weicht ab, insofern dem Aristoteles der Handelseinem innersten Wesen nach der Bereicherungskunstdient, d. h. vom Streben nach unbegrenztem Reichtumgetragen ist, während nach Somhart der mittelalter-liche Handel nur Bedarfsbedeckungswirtschaft ist, undzwar nicht im Sinne des Kleinhandels des Aristoteles,der vor Aufkommen des Geldes der Ergänzung derEigenproduktion durch Umsatz eines Gehrauchsgutesgegen ein anderes diente, sondern weil der mittelalter-liche Kaufmann gleich dem Handwerker nur nachNahrung gestrebt habe. Er weicht ferner vonAristoteles ah, indem er nicht wie dieser das Strebennach unbegrenztem Reichtum als Ausfluß der Unend-lichkeit des menschlichen Begehrens, sondern als Folgeder Verselbständigung des Sachvermögens in derkapitalistischen Unternehmung hinstellt. Beides istfalsch.

Als ein Hauptfehler Sombarts erscheint mir, daßer der kapitalistischen Wirtschaftsorganisation diehandwerksmäßige gegenübergestellt hat. Das ist einVerstoß nicht minder gegen die Logik wie gegen dieGeschichte. Denn nicht nur daß das, was dem Kapi-talismus vorausgegangen ist, im Altertum wie imMittelalter, nicht etwa die handwerksmäßige Wirt-schaftsorganisation, sondern die Naturalwirtschaft unddie daraus hervorgegangene feudale Wirtschaftsorgani-sation gewesen ist, es verstößt diese Unterscheidunggegen die logische Forderung, daß man bei einerKlassifikation der Erscheinungen stets nur von einemund demselben Standpunkt ausgehe. Ich kann dieWirtschaftsorganisation einteilen, indem ich vom Stand-punkt der darin Herrschenden ausgehe, oder indem ich

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