Druckschrift 
Der wirtschaftende Mensch in der Geschichte : gesammelte Reden und Aufsätze / von Lujo Brentano
Entstehung
Seite
313
Einzelbild herunterladen
 

Handel und Kapitalismus

313

was erstrebt wurde, soll eben im Handwerk seinenUrsprung genommen und von da aus das ganze mittel-alterliche Wirtschaftsleben erobert haben; auch derHandel sei in seinem Verlangen nicht weitergegangen.

All das ist unrichtig. Die mittelalterliche Wirt-schaftsorganisation hat ihr charakteristisches Geprägenicht durch das Handwerk, sondern durch die Landleiheerhalten. Sie hat zur Erweiterung der Wirtschaftseinheitder Hausgemeinschaft geführt. Daraus haben sich Ab-hängigkeitsverhältnisse ergeben, geordnet durch Autori-tät und Herkommen. Diese Abhängigkeitsverhältnisse unddie darauf beruhende Standes Verschiedenheit sind auch fürdas Handwerk maßgebend geworden. Der Handwerkerist das ganze Mittelalter hindurch, ja darüber hinaus,solange es Zünfte mit ausschließlichem Recht des Ge-werbebetriebes gegeben hat, nur Angehöriger einerhöheren Wirtschaftseinheit gewesen, sei es als hörigerHandwerker der Wirtschaftseinheit der Grundherrschaft,sei es als Gildegenosse der Wirtschaftseinheit der Gilde.Nach außen sind nicht nur die Grundherrschaften,sondern auch die Gilden stets äußerst bestrebt gewesen,ihren größtmöglichen Vorteil zu wahren. Bei denerbitterten Zunftkämpfen des 13. und 14. Jahrhundertshat es sich für die Weber und die übrigen gegen die Ge-schlechterherrschaft kämpfenden Zünfte nicht bloß umSicherung des standesgemäßen Auskommens der Hand-werker gehandelt, sondern um die Hebung der wirt-schaftlichen und gesellschaftlichen Lage der Handwerkerdurch Beteiligung derselben am Stadtregiment, und inden berüchtigten Zunftprozessen des 17. und 18. Jahr-hunderts um Versuche des einen Handwerks, seinewirtschaftliche Sphäre auf Kosten eines anderen zuerweitern, die von diesem dann ebenso heftig zurück-gewiesen wurden. Ganz anders die inneren Beziehungender Angehörigen dieser Wirtschaftseinheiten zueinander.